Bei unseren Recherchen zeigte sich überraschenderweise, dass die Ausstellung „Badische Regierungskunst 1918 – 1933“ im April 1933 in Karlsruhe und die zeitgleich in Mannheim veranstaltete Ausstellung „Kulturbolschewistische Bilder“ nicht der Beginn einer neuen kulturpolitischen Entwicklung waren, sondern eher deren trauriger Höhepunkt. Nur zwei Monate nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten, am 30. Januar 1933, waren diese beiden Ausstellungen die ersten überhaupt, in denen die Künstlerinnen und Künstler der Moderne diffamiert wurden. Sie waren die Blaupause für die Ausstellung "Entartete Kunst", die 1937 in München gestartet und anschließend in vielen Städten Deutschlands und Österreich gezeigt wurde. Der Chefredakteur der Karlsruher Zeitung, Curt Amend, bezeichnete die Karlsruher Ausstellung in seinem Leitartikel vom 10. April 1933 als „Die Schreckenskammer“ der Kunst. Damit war der Begriff geboren, der sich neben der Bezeichnung „Schandausstellung“ anschließend deutschlandweit durchsetzte.
Der Kulturkampf in Karlsruhe vor 1933
Eines der Mitglieder des Komitees, das die Mannheimer Ausstellung „Kulturbolschewistische Bilder“ organisiert hat, war der Thoma-Biograph und Redakteur des Karlsruher Tagblatts Joseph August Beringer. Dieser hatte schon 1925 in seiner vernichtenden Kritik an der Mannheimer Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ behauptet:
„Die Ankäufe der Kunsthallen zeigen, dass unsere öffentlichen Galerien auf dem Wege sind, [...] Sammlungen von Zeugnissen geistiger und seelischer Erkrankungen zu werden. [...] Es ist dann an der Zeit, [...] die sehr ehrenwerten Psychiater zu Kunstministern und Kunsthallendirektoren zu machen.“
So das Karlsruher Tagblatt vom 3. August 1925. Diese zynische These zeigt, dass die Diffamierung der Kunst der Moderne als das Ergebnis psychisch kranker Menschen, keinesfalls neu war. In Karlsruhe begann der Kulturkampf, der in der Ausstellung „Regierungskunst 1918 – 1933“ seinen vorläufigen Höhepunkt fand, schon zu Beginn der 1920er Jahre. Insbesondere die Anhänger von Hans Thoma kritisierten einerseits, dass die Badische Kunsthalle zu viele Werke von ausländischen Malern ankauft und zum anderen, dass die angekauften Werke „minderwertig“ wären, weil sie nicht realistisch oder gar naturalistisch waren.
Hans Thoma war von 1899 bis 1919 Leiter der Badischen Kunsthalle. Bei seiner Verabschiedung 1919 war er 80 Jahre alt. Sein Nachfolger war der erst 30 Jahre alte Kunsthistoriker Willy Storck, der die Kunsthalle bis zu seinem frühen Tod im August 1927 leitete. Und es war klar, dass ein junger Kunsthistoriker ein anderes Ausstellungskonzept verfolgt, als ein Maler, der hauptsächlich Werke der von ihm vertretenden Stilrichtung favorisiert und angekauft hat. Damit waren die Probleme in der Badischen Kunstszene vorprogrammiert. In den Jahren der Hyperinflation ab Mitte 1922 kam noch ein dritter Kritikpunkt an der Kunsthalle hinzu, denn sie kaufte, obwohl viele Badische Maler in existenzielle Not gerieten, weiterhin Werke nicht badischer Künstler an.
Die Rolle des Malers Hans Adolf Bühler
Bühler war ein Meisterschüler von Hans Thoma und tief in dessen symbolistischer und heimatverbundener Tradition verwurzelt. Seit 1914 bekleidete er eine Professur an der Karlsruher Kunstakademie, damals die Landeskunstschule. Während er anfangs noch als Vertreter eines pathetischen Symbolismus galt, entwickelte er sich zunehmend zu einem Wortführer gegen die Moderne. Schon in den 1920er Jahren positionierte sich Bühler als vehementer Gegner der Weimarer Republik und der avantgardistischen Kunst. Im Jahr 1930 übernahm er die Leitung der Karlsruher Ortsgruppe des Kampfbundes für deutsche Kultur KfdK und war aktives Mitglied in völkisch-nationalen Verbänden, die eine „Reinigung“ der deutschen Kunst von ausländischen und jüdischen Einflüssen forderten. Bühler gilt als Hauptinitiator des sogenannten „Karlsruher Kulturkampfes“, bei dem er gezielt gegen moderne Kollegen und die demokratische Kulturpolitik des Landes Baden agitierte. 1931 wird er Mitglied der NSDAP. Seine Bestellung zum Direktor der Landeskunstschule im Oktober 1932 war ein politisches Signal für das Erstarken völkischer Kräfte in Baden.
Die Ereignisse im März 1933
Am 8. März 1933 wird der Gauleiter der NSDAP in Baden, Robert Wagner, von der Berliner Regierung als Reichskommissar in Karlsruhe eingesetzt. Am nächsten Tag nimmt er mit mehreren hundert SA-Männern das badische Innenministerium am Schlossplatz ein. Am 11. März wird der Badische Staatspräsident Josef Schmitt seines Amtes enthoben. Wagner ernennt den Hauptschriftleiter der NSDAP-Zeitung „Der Führer“, Otto Wacker, zum kommissarischen Kultusminister und den Direktor der Landeskunstschule, Hans Adolf Bühler, zum kommissarischen Leiter der Badischen Kunsthalle.
Wacker und Bühler ergreifen unverzüglich die Initiative: noch am 11. März wird Lilli Fischel, die seit 1927 die Badische Kunsthalle leitet, mit sofortiger Wirkung „beurlaubt“ und zum 7. April in den Ruhestand versetzt. Grundlage hierfür war das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, nach welchem Beamte entlassen werden konnten, wenn sie „nichtarischer Abstammung“ waren oder nach ihrer politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür boten, dass sie jederzeit rückhaltlos für den nationalsozialistischen Staat eintreten.
Am 16. März inspizieren Wacker und Bühler die Ausstellungsräume der Badischen Kunsthalle und lassen die dortige Ausstellung von Aquarellen und Zeichnungen des Pforzheimer Malers Emil Bizer vorzeitig schließen, sowie zwei weitere Ausstellungsprojekte Fischels absagen. Die NS-Zeitung „Der Führer“ berichtet am nächsten Tag:
„Als Hans Thoma der Abschiedsbrief in die Hand gedrückt wurde, begann eine Kunstrichtung einzuziehen, die alles Banale und Unwesentliche in den Vordergrund stellte und es als Kunst stempelte. Verzerrung, Spielerei, Exotik, auf diesen drei Straßen bewegte sich die ,moderne‘ Linie. Unsummen sind hier hinausgeworfen worden für Bilder von Slevogt, Liebermann, Munch, Hofer oder Corinth, während gleichzeitig wertvolle Kunstschätze aus dem Bestand der Kunsthalle auf dem internationalen Kunstmarkt verramscht wurden.
Der Kultusminister Dr. Wacker bestimmte, dass die badische Bevölkerung selbst Einsicht nehme in die Kunstwerke der ,Kulturepoche von 1918-1933‘. In allernächster Zeit wird eine Zusammenstellung jener bolschewistischen und krankhaften Werke erfolgen, die in dieser Zeit von der Regierung angekauft wurden. Unter jedem Bild soll der Preis sichtbar sein und der Name des jeweiligen Kultusministers, der die Verantwortung trug. Dann muss eine Völkerwanderung zur Kunsthalle einsetzen, und wir wissen, dass die Besucher ein einstimmiges Urteil fällen werden über jene vergangene Epoche, in der alles getan wurde, unser arteigenes, geistiges Leben zu zerschlagen.“
Fakten zu der Ausstellung vom 8. bis 30. April 1933
Insgesamt wurden 18 Ölgemälde und 79 Aquarelle und Grafiken gezeigt. Unter den Bildern waren die Kaufpreise aufgelistet, ebenso die Namen der für Kunst und Bildung zuständigen Minister, in deren Amtszeit die Ankäufe getätigt wurden. Es gab ein „Erotisches Kabinett“ mit Zeichnungen von Studenten der Landeskunstschule. Daneben waren eine Liste und Photographien von Kunstwerken ausgestellt – hauptsächlich zweitklassige Alte Meister und Gemälde des 19. Jahrhunderts, die von Bühlers Vorgängern Storck und Fischel aus dem Depot verkauft worden waren, um den Etat für den Ankauf moderner Kunst aufzustocken.
Die Ölgemälde, die gezeigt wurden, waren von Bizer, Corinth, Erbslöh, Fuhr, Hofer, Kanoldt, Liebermann, von Marees, Munch, Purrmann, Schlichter und Slevogt. Sechs davon sind rechts zu sehen. Unter den 79 Zeichnungen waren Werke von Hubbuch, Campendonk, Dix, Feininger, Beckmann, Grosz, Hofer, Kirchner, Schmidt-Rottluff, Meidner und Nolde.
Ursprünglich sollte die Ausstellung jeweils samstags, sonntags und mittwochs von 11-13 Uhr unentgeltlich geöffnet sein. Man befürchtete offensichtlich, dass der Andrang nicht so sein würde wie gewünscht. Vielleicht sollte sich das Publikum zumindest in den wenigen Öffnungsstunden in den Räumen stauen. Etwaige Bedenken dieser Art erwiesen sich jedoch als unbegründet, denn ab dem 11. April war die Ausstellung auch nachmittags für jeweils zwei Stunden geöffnet. Für die dreiwöchige Laufzeit errechnet sich somit eine, vergleichsweise noch immer sehr geringe, Gesamtöffnungszeit von 62 Stunden. Wenngleich Fotos von der Ausstellung und eine Besucherstatistik fehlen, überliefern Presse- und Augenzeugenberichte einen immensen Andrang. Die Berliner Börsen-Zeitung schreibt am 12. April 1933: „Nie hatten in Mannheim oder Karlsruhe Ausstellungen solchen Besuch, wie diese.“ Auch Augenzeugen berichteten, dass die Ausstellung „außergewöhnlich stark“ besucht wurde.
Die Ausstellung hatte zwei Ziele: zum einen sollte der Bevölkerung vorgeführt werden, in welche „Verirrungen“ sich die Kunst in der Weimarer Demokratie entwickelt hat. Zum zweiten wollte man den Besuchern der Ausstellung zeigen, wie hemmungslos die Regierungen der Weimarer Republik Steuergelder für die Werke der sogenannten „Verfallskunst“ verschleudert haben. Das war die ursprüngliche Idee, aber bei Bühler geriet die Ausstellung vor allem zu einer persönlichen Abrechnung mit seinen unmittelbaren Vorgängern in der Führung der Kunsthalle und mit seinen Malerkollegen, die für die Kunst der Moderne standen. Dabei griff er zu Mitteln, für die er nicht nur vom Vorstandsvorsitzenden des noch nicht gleichgeschalteten Badischen Kunstvereins kritisiert wurde, sondern auch aus dem nationalsozialistischen Umfeld.
Kritische Reaktionen
Bühler kam auf die Idee, den Besuchern der Ausstellung in einem „Erotischen Kabinett“, das von den ausgestellten Werken separiert war, auf Wunsch „obszöne Blätter“ zu präsentieren, die nie von der Kunsthalle gekauft wurden, sondern von Schülern der Landeskunstschule stammten und ohne deren Wissen gezeigt wurden. Um die „niederen Instinkte“ des Publikums weiter zu stimulieren, war die Ausstellung für Personen unter achtzehn Jahren nicht zugänglich. Des Weiteren wurden die unter den Bildern präsentierten Ankaufpreise nicht von Inflationsmark in aktuelle Währung umgerechnet. So standen unter vielen Werken sehr hohe Summen, die Gutgläubige fassungslos machen sollten.
Bühlers größter Fehler war allerdings, dass er in seiner Ausstellung ein Werk von Alexander Kanoldt mit dem Titel Stillleben mit Gummibaum gezeigt hat. Kanoldt, einer der Hauptvertreter der Neuen Sachlichkeit, war schon im Mai 1932 in die NSDAP eingetreten und wurde am 1. Mai 1933, also einen Tag nach dem Ende der Karlsruher Ausstellung, von Kultusminister Bernhard Rust zum Direktor der Akademie der Bildenden Künste in Berlin ernannt.
Damit war Kanoldt in einer Position, in der er massiven Druck auf Bühler ausüben und ihn für seine Diffamierung als „entarteter Künstler“ zur Rechenschaft ziehen konnte. Gemeinsam mit dem Präsidenten der Badischen Secession, Edmund von Freyhold, ebenfalls Mitglied der NSDAP, nutzte Kanoldt Bühlers Ausstellung, um die badische Kulturpolitik scharf zu verurteilen. Kanoldt und von Freyhold wandten sich schriftlich an mehrere einflussreiche Gremien und Persönlichkeiten, wie das Badische Kultusministerium, das Bildungsministerium in Berlin und den Direktor der Berliner Nationalgalerie, Ludwig Justi. Kanoldts Kritik war mehr als eindeutig. An das Badische Kultusministerium schrieb er am 8. Juni 1933 unter anderem:
„Wenn Herr Bühler glaubte, mir eine Beleidigung zufügen zu können, indem er mich als Afterkünstler in dieser Gesellschaft zeigt, dann irrt er sich – ich empfinde diese Gleichsetzung als die höchste Ehre, die mir je zu Teil geworden ist! Aber so war es ja nicht gemeint! Und da ich einer der Wenigen bin, der sich gegen die Absicht der Beleidigung wehren kann, tue ich es mit aller Entschiedenheit für die Toten! Denn diese Ausstellung ist nicht nur eine Beleidigung der Kunst, sondern eine abgefeimte Beleidigung Badens. [...] Man kann wirklich nur mit Bedauern und weit darüber hinaus mit Schrecken zusehen, wie die einst an erster Stelle rangierende Karlsruher Akademie, deren Schüler gewesen zu sein ich als großes Glück betrachte, heruntersinken soll auf das Niveau einer solchen geistigen Niederung, wenn ihr Neuaufbau an eine so fragwürdige künstlerische Persönlichkeit, wie Bühler sie verkörpert, ausgeliefert wird. [...] Es ist unbegreiflich, wie eine Regierung eine derartige Kulturschande zulassen konnte."
Anzumerken wäre noch, dass Kanoldt 1939, im Alter von 57 Jahren, verstorben ist und auch seine Werke ab 1937 als „entartet“ galten und aus allen deutschen Museen entfernt wurden.
Eine zweite Welle der Empörung gegen Bühler gab es im Frühjahr 1934. Ausgelöst wurde sie durch den Verkauf des damals wohl bedeutendsten modernen Gemäldes der Karlsruher Kunsthalle, zu einem lächerlichen Preis, an die Kunsthalle in Basel: Straße in Åsgårdstrand von Edvard Munch. Danach wandten sich etliche Kunsthistoriker und andere Kritiker an das Badische Kultusministerium und forderten Bühlers Entlassung. Dem schlossen sich auch Vertreter des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes NSDStB an, die massive Beschwerden an das Badische Kultusministerium und das Reichsministerium für Volkserziehung und Propaganda in Berlin richteten. Damit war klar, dass man schnell einen neuen Direktor für die Badische Kunsthalle finden musste. Im Juli 1934 wurde die Stelle neu besetzt.
Kritik auch vom Badischen Kunstverein
In seiner Eröffnungsrede zur Ausstellung griff Bühler Max Liebermann, den bedeutendsten Vertreter des deutschen Impressionismus und langjährigen Präsidenten der Preußischen Akademie der Künste, frontal an. Er bezeichnete ihn als „Totengräber der deutschen Kunst“. Daraufhin verließ der Vorsitzende des Badischen Kunstvereins Franz Xaver Honold unter Protest den Saal. Honold, Partner in der Anwaltskanzlei von Reinhold Frank, der später als Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 hingerichtet wurde, war der einzige, der bei Bühlers Tirade gegen Liebermann den Mut zum öffentlichen Eklat hatte. Alle anderen blieben sitzen.
Franz Xaver Honold stand dem Zentrum nahe und blieb trotz seiner Demonstration gegen Hans Adolf Bühler bis zu seinem frühen Tod, mit 57 Jahren im Januar 1939, Vorsitzender des Badischen Kunstvereins. Honold gilt heute als Vertreter jenes liberal-konservativen Bürgertums in Karlsruhe, das den Nationalsozialisten distanziert bis ablehnend gegenüberstand und in der Phase der Gleichschaltung zunehmend isoliert wurde. Historische Quellen deuten darauf hin, dass Honold versuchte, den Verein "notgedrungen" an die politischen Verhältnisse anzupassen, um dessen Fortbestand zu sichern.