Lilli Fischel war die erste Frau in Deutschland, die eine Staatliche Kunsthalle geleitet hat. Sie wurde am 14. Januar 1891 als Luise Fischel in Bruchsal geboren und war das jüngste von vier Kindern. Bei ihrer Mutter Eugenie Fischel, geborene Theis, erhielten die Kinder eine evangelische Erziehung. Der Vater Ottmar Fischel war ein jüdischer Fabrikant, der hochwertige Petroleumlampen herstellte und Inhaber zahlreicher Patente war. Lilli Fischel wuchs in Bruchsal auf und besuchte dort die Volksschule.
Gymnasium und akademische Ausbildung
Ab 1906 wohnte ihre Familie in der Kaiserallee 24 in Karlsruhe. Ihr Abitur legte Lilli Fischel 1909 als externe Schülerin am Humanistischen Gymnasium in Karlsruhe ab, dem heutigen Bismarck-Gymnasium. Da das Humanistische Gymnasium zu dieser Zeit eine reine Jungenschule war, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass Lilli Fischel ab 1906 das Mädchengymnasium in der Sophienstraße 14 besucht hat. Diese Schule - heute das Fichte-Gymnasium - war damals die einzige Einrichtung in Deutschland, die Mädchen gezielt auf das Abitur vorbereitete.
Noch im gleichen Jahr begann Lilli Fischel ein Studium an der Kunstakademie in Karlsruhe und setzte ihre akademische Ausbildung in Philosophie und Kunstgeschichte an den Universitäten München und Freiburg fort. Abgeschlossen hat Lilli Fischel ihr Studium an der Universität Frankfurt am Main, wo sie 1919 in Kunstgeschichte promovierte. Thema der Dissertation: "Mittelrheinische Plastik des 14. Jahrhunderts". Darüber hinaus legte sie ihre mündliche Prüfung im Fach Archäologie ab. Anschließend arbeitete Sie an der Veröffentlichung ihrer Dissertation und war ab 1923 zwei Jahre im Kunsthaus von Friedrich Sebald in der Waldstraße 30 in Karlsruhe tätig. Schon 1920 wurden dort Künstler der Moderne gezeigt, wie Rudolf Schlichter, Georg Scholz und Wladimir von Zabotin.
Volontariat an der Badischen Kunsthalle
Lilli Fischel hatte sich im Februar 1925 für eine Volontariatsstelle an der Kunsthalle beworben. Zu diesem Zeitpunkt war sie mit dem Direktionsassistenten Dr. Hans Curjel befreundet, der sie vermutlich motiviert hat, eine Bewerbung abzugeben. Denn Curjel, der auch Musik studiert hatte, wollte die Kunsthalle für eine Stelle als Regisseur an der Krolloper in Berlin verlassen. In Lilli Fischel sah er möglicherweise seine Nachfolgerin. Schon in ihrem Bewerbungsschreiben hatte sie darauf hingewiesen, dass sie nicht ohne Vergütung arbeiten möchte und davon ausgeht, dass die Stelle unbefristet ist und ihr auch Aufstiegsmöglichkeiten bietet.
Die Startvergütung von 236 RM pro Monat wurde Lilli Fischel genehmigt. Aber danach begann ein permanenter Kampf um eine angemessene Bezahlung, in dem sie in mehreren Schreiben an das Kultusministerium mit Kündigung gedroht, diese aber mit Rücksicht auf den Gesundheitszustand des Direktors, der an Lungentuberkulose litt, nicht realisiert hat. Direktor war damals der Kunsthistoriker Willy Storck, der 1919 im Alter von 30 Jahren das Amt von Hans Thoma übernommen hatte und schnell in die Kritik der Thoma-Anhänger geriet, da er neue Ankaufs- und Ausstellungskonzepte verfolgte.
Ernennung zur stellvertretenden Direktorin
Nachdem Hans Curjel 1927 die Kunsthalle verlassen hat und sich der Gesundheitszustand des Direktors zusehends verschlechterte, wird Lilli Fischel laut einer Aktennotiz vom 8. August 1927 als Assistentin zur stellvertretenden Direktorin der Kunsthalle ernannt. Allerdings mit dem Vermerk „dass es zu keiner formellen Ernennung kommen würde“. Zu diesem Zeitpunkt hatte Lilli Fischel noch immer den Status einer „wissenschaftlichen Hilfsarbeiterin“. Willy Storck, der Fischels Qualitäten schnell erkannte, kämpfte mit allen Mitteln für sie und unterstützte ihre Forderungen mit gut begründeten Schreiben an das Kultusministerium. Nach vier Jahren wurde Fischels Monatsgehalt zwar sukzessive auf 584 RM erhöht. Damit lag sie aber in etwa 40% unter dem Gehalt, das ein zum Direktor ernannter Leiter der Kunsthalle erhalten hätte.
Als Storck am 30. August 1927 im Alter von nur 38 Jahren an Lungentuberkulose verstarb, wurde die Stelle ausgeschrieben. Im März 1928 wurde Lilli Fischel zur Kustodin und im Oktober 1928 zur Konservatorin ernannt. Die Ausschreibung der Direktorenstelle lief immer noch und zwar sage und schreibe fast drei Jahre. Erst im Mai 1930 wurde sie endgültig gestoppt und Lilli Fischel zwar offiziell mit der Geschäftsführung der Kunsthalle betraut, aber nicht zur Direktorin ernannt. Ein ungewöhnlicher Vorgang, für den es mehrere Gründe gibt. Dass Lilli Fischel eine Frau war, hat zwar eine Rolle gespielt, aber es war nicht der einzige Grund, warum ihr die Ernennung zur Direktorin verwehrt wurde.
Ausschreibung der Direktorenstelle
Der Grund, warum die Stelle nicht extern besetzt werden konnte, lag zunächst an der Unfähigkeit des Kultusministeriums, einen geeigneten Kandidaten zu finden. Bewerber gab es genügend - 23 an der Zahl - etliche mit Rang und Namen. Aber man setzte zum einen auf die falschen Pferde und zum anderen zeugt die Vorgehensweise von einer erstaunlichen Unprofessionalität der verantwortlichen Beamten.

Anzeige vom September 1927
Kandidat 1 – Dr. Walter Riezler
Das Badische Kultusministerium hat zunächst Dr. Walter Riezler, den Direktor des Städtischen Museums Stettin favorisiert und ihn, nachdem alle Konditionen verhandelt waren, am 14. Dezember 1927 dem Badischen Staatsministerium als Kandidat vorgeschlagen. Allerdings gab es Widerstand, der teilweise fachfremd war. Denn die Personalie Riezler war schon vorher als Gerücht im Umlauf und der Leiter des Kunsthistorischen Instituts der Uni Heidelberg Prof. Carl Neumann wies in einem Schreiben vom 28. November 1927 an das Staatsministerium darauf hin, dass sich Riezler als Gutachter „in der Kanalfrage, gänzlich den Stuttgarter Interessen verschrieben“ hätte und dass die Kunsthalle „einen Kenner alter Kunst“ brauche. Riezler war dagegen ein ausgewiesener Verfechter der Moderne.
Bei der Kanalfrage ging es um den Bau des Rhein-Neckar-Kanals von Stuttgart nach Mannheim. Dieses Projekt war in Baden umstritten, da man befürchtete, dass die badische Landschaft am Neckar zerstört würde. Nachdem am 19. Dezember 1927 ein Artikel im Heidelberger Tagblatt erschien, der die Haltung Riezlers in der Kanalfrage thematisierte, fordert das Badische Staatsministerium mit Schreiben vom 28. Dezember 1927 vom Kultusministerium die Nennung weiterer Kandidaten. Das Kultusministerium wollte Riezler nun dazu bewegen, seine Bewerbung zurückzuziehen. Doch der wollte nicht, sondern forderte Aufklärung darüber, wer gegen ihn intrigiert habe. In der Kabinettssitzung des Badischen Staatsministeriums vom 13. Februar 1928 wurde dann unter diese Personalie ein Schlussstrich gezogen, indem man feststellte, dass für „Dr. Riezler eine Mehrheit nicht vorhanden ist“. Am 28. Februar 1928 erschien in der Frankfurter Zeitung ein Artikel mit dem Titel „Ein unmögliches Verfahren. Wer wird Direktor der Karlsruher Kunsthalle?“ Dort wird festgestellt, dass mit Riezlers Ablehnung „ein wenig rühmliches Kapitel badischer Kunstpolitik seinen vorläufigen Abschluss gefunden“ hat.
Kandidat 2 – Dr. Alfred Wolters
Nach diesem Desaster stand das Badische Kultusministerium massiv unter Druck und wollte nun die offizielle Benennung eines weiteren Kandidaten im Vorfeld mit dem Staatsministerium abklären. Am 23. März 1928 fragte man dort an, ob Bedenken gegen den Kustos des Städelmuseums in Frankfurt, Dr. Alfred Wolters, bestünden. Es bestanden keine. Aber Dr. Wolters hatte sich gar nicht aktiv beworben, signalisierte aber Interesse nachdem er angeschrieben wurde und wies in seinem Schreiben an das Badische Kultusministerium vom 2. April 1928 darauf hin, dass ihm das Württembergische Kultusministerium die Direktorenstelle der Gemäldegalerie Stuttgart angeboten hätte und ihm darüber hinaus „in Frankfurt eine gehobene Stellung mit einem sehr erweiterten Arbeitsgebiet“ in Aussicht gestellt wurde. Statt diesen Kandidaten sofort von der Liste zu streichen, macht man nun den zweiten Fehler und tritt mit ihm in Verhandlungen. Obwohl man Dr. Wolters ein sehr gutes Gehalt in Höhe von 8.000 RM plus rund 2.000 RM Zulagen pro Jahr zusicherte, teilt dieser am 3. Mai 1928 mit, dass er eine ihm „von der Stadterwaltung Frankfurt angebotene Direktorenstelle“ annehme.
Kandidat 3 – Dr. Kurt Zoege von Manteuffel
Mit Schreiben vom 10. Mai 1928 fragt das Badische Kultusministerium nun beim Direktor des Kupferstichkabinetts in Dresden an, ob er an der Stelle in Karlsruhe interessiert wäre. Er wäre von „maßgebenden Sachverständigen“ vorgeschlagen worden. Das heißt, auch dieser Kandidat hatte sich nicht selbst aktiv beworben. Nachdem auch dieser Interesse signalisiert hatte, fragt das Kultusministerium am 29. Mai 1928 beim Staatsministerium an, ob gegen Dr. von Manteuffel Bedenken bestünden. Das war nicht der Fall. Das Kultusministerium tritt anschließend in Verhandlungen mit von Manteuffel und fixiert am 20. Juni 1928 mit ihm einen Vertrag, in dem ihm ein Jahresgehalt von 9.500 RM plus rund 2.000 RM Zulage zugesichert werden. Wir erinnern uns, Lilli Fischel erhielt pro Monat ein Gehalt von 584 RM inklusive aller Zulagen – pro Jahr also rund 7.000 RM. Damit lag sie rund 4.500 RM unter der Zusage an von Manteuffel. Diese Differenz wird weiter unten noch eine wichtige Rolle spielen. Trotz einer sagenhaften Gehaltszusage sendet von Manteuffel am 29. Juni 1928 ein Telegramm an das Badische Kultusministerium: „trete von berufung zurueck brief folgt“. In seinem Brief begründet er die Absage wie folgt: „Das Sächsische Ministerium für Volksbildung hat […] betont, dass es auf das Verbleiben des Unterzeichneten in seiner jetzigen Stellung den größten Wert lege und die Bedingungen für seine weitere Tätigkeit in Dresden so entgegenkommend geregelt hat, dass der Unterzeichnete glaubt, seine bisherige langjährige Tätigkeit unter diesen Umständen nicht abbrechen zu dürfen.“
Ein mediales Kommunikationsdesaster
Nach dem dritten Scheitern bei der Besetzung der Direktorenstelle passiert zunächst nichts mehr. Es bewerben sich zwar nach wie vor Kandidaten auf die Stelle, diese werden aber vertröstet, oder man sagt ihnen ab. Offensichtlich fürchtete man im Kultusministerium eine weitere Blamage. Unverständlich ist, warum man keine Kandidaten ausgewählt hat, die sich selbst beworben haben. Wie beispielsweise Hildebrandt Gurlitt, der Direktor des König-Albert-Museum in Zwickau. Er war der erste Kandidat, der sich schon am 9. November 1927 mit einem mehrseitigen Schreiben an das Badische Kultusministerium gewandt hatte. Eine Antwort des Kultusministeriums an ihn ist in den Akten nicht dokumentiert. In dieser Phase setzte man auf Dr. Riezler und war sich wohl sehr sicher, dass dieser Kandidat berufen wird.
Achtzehn Monate nach der Absage von Manteuffel wird die Presse ungeduldig. Es kursieren weiterhin Gerüchte über neue Kandidaten. Der Volksfreund, die Zeitung der SPD in Baden, schreibt am 30. Dezember 1929 unter dem Titel: „Wohin geht der Kurs der Kunsthalle?“ folgendes:
„Zu der unter obiger Überschrift von uns veröffentlichten Notiz wird uns geschrieben, dass dem zunächst und in erster Linie für die Berufung eines Direktors der Kunsthalle verantwortlichen Minister nichts davon bekannt sei, daß ein Herr Gräf aus München berufen werden solle. Die Cliquen, die sich in ihren Zirkeln über diese Frage streiten, ohne ein Mandat auf die Einflussnahme der Entscheidung zu haben, würden, so heißt es in der Zuschrift, den Interessen der Kunst in unserer Stadt besser dienen, wenn sie es unterließen, derartige Notizen zu verbreiten. Die „Modernen“ wie die „Altisten“ sollten gleichermaßen wissen, daß solche Alarmnachrichten, denen jeder sachliche Hintergrund fehlt, nicht geeignet sind, die Berufungsfrage zu fördern.“
Zum ersten Mal fällt Lilli Fischels Name
Die Berichterstattung in den Medien geht munter weiter. So schreibt das Heidelberger Tagblatt am 7. Januar 1930:
„In der bildenden Kunst“ gibt’s immer noch einen verwaisten Führerposten. Die Karlsruher Galerie ist seit dem Tode Storcks, also seit fast zwei Jahren, wenn auch nicht direktionslos, denn die große Feuerbach-Ausstellung war mit Geschmack und Kenntnis zusammengestellt, aber ohne Direktion. Vorübergehend dachte man einmal an Wilhelm Hausenstein, den bekannten Kunstschriftsteller, aber man holte sich einen Korb. Auch Riezler aus Stettin kam nicht. Der Name Otto Homburgers wird genannt. Und jetzt setzen sich manche Kreise für den bisherigen Direktionsstellvertreter, Fräulein Luise Fischel, ein. Das wäre in Deutschland der erste weibliche Museumsdirektor. Ihre Qualitäten seien unangetastet, dennoch wird man nicht darum kommen, die Frage zu erwägen, ob nicht eine Persönlichkeit von außen gewonnen werden soll, die zugleich Kraft ihrer Geltung und geistigen Repräsentation eine hier sehr notwendige Bereicherung des künstlerischen und kulturellen Lebens darstellen würde.“
Das muss für Lilli Fischel deprimierend gewesen sein. Der Artikel erschien zu einem Zeitpunkt, da ihr wegen Krankheit sechs Wochen gestattet wurde, „während der Vormittagsstunden dem Dienste fernzubleiben“. In dieser Phase wurde ihr mit Schreiben vom 18. Dezember 1929 vom Badischen Justizministerium mitgeteilt, dass das Staatsministerium auf Antrag des Justizministers am 8. Dezember beschlossen hat, sie zum stellvertretenden Mitglied der Sachverständigenkammer für Kunst zu ernennen. Wörtlich: „Sie treten an die Stelle des verstorbenen Direktors Dr. Storck.“ Damit war die neue Strategie des Kultusministeriums klar: die Stelle wird nicht mit einem externen Kandidaten besetzt.
Am 13. Mai 1930 schreibt das Kultusministerium an die Kunsthalle: „Die Frage der endgültigen Besetzung der erledigten Direktorstelle der Kunsthalle wird zunächst auf die ‚Dauer eines Jahres’ (durchgestrichen und mit ‚bis auf weiteres’ von Hand überschrieben) zurückgestellt. Die Führung der Direktionsgeschäfte und die gesamte Verwaltung der Kunsthalle während dieser Zeit bleibt der Konservatorin Fräulein Dr. Fischel übertragen.“
Ein weiterer Grund für die offene Direktorenstelle
Mit Schreiben vom 23. Juli 1930 fordert das Kultusministerium vom Finanzministerium die Einstufung von Lilli Fischel, aufgrund der „außergewöhnlichen Mehrarbeit“ durch die Übernahme der Direktionsgeschäfte, in die Besoldungsgruppe A2c hochzustufen. Aber im Jahre 1930 sind wir in der Hochphase der Weltwirtschaftskrise mit Massenarbeitslosigkeit und einbrechenden Steuereinnahmen. Eine Not- und Sparverordnung jagt die andere – auch in Baden.
Am 1. August 1930 schreibt der Badische Finanzminister an den Kultusminister: „Mit der Verwendung eines Teilbetrages von 10.000 RM für die Erneuerung der Licht- und Kraftversorgungsleitungen der Technischen Hochschule bin ich einverstanden. Mit Rücksicht auf die Finanzlage muss ich aber dringend bitten, für Entlastung der Staatskasse an anderer Stelle zu sorgen. […] Eine Erleichterungsmöglichkeit für einen etwaigen späteren Ausgleich bestünde schließlich auch darin, daß auf die Einsparung durch Nichtbesetzen der Direktorenstelle bei der Bad. Kunsthalle für 1931 zurückgegriffen wird. […] Ich darf jedenfalls um Mitteilung der zur Entlastung der Staatskasse getroffenen Maßnahme ergebenst ersuchen.“
Nur einen Tag später, schreibt das Kultusministerium mit Datum 2. August 1930 an den Finanzminister: „Der Ausgleich der Überschreitung für das Staatstechnikum mit rund 4.300 RM wird auch im Jahre 1931 voraussichtlich durch weitere Einsparung der Direktorstelle bei der Kunsthalle zugesagt. Sollte die Direktorstelle wider Erwarten besetzt werden, so würde ich rechtzeitig weitere Nachricht wegen anderweitiger Einsparung geben.“
Mit Schreiben vom 9. Oktober 1930 teilt das Finanzministerium dem Kultusministerium mit, dass die Konservatorin Dr. Luise Fischel mit Wirkung vom 1. Oktober 1930 in die Besoldungsgruppe A2c eingestuft wird. Aus einem Schreiben des Kultusministeriums vom 24. Dezember 1931 an den Finanzminister geht hervor, dass aufgrund einer weiteren Sparverordnung Fischels Einstufung in die höhere Besoldungsgruppe zum 1. Oktober 1930 nicht erfolgt ist und die Umsetzung nun mit Nachdruck gefordert wird, oder andernfalls die eingesparte Direktorenstelle wieder eingefordert würde.
Lilli Fischel hat die Tätigkeit des Direktors defakto von März 1927 bis zu ihrer Entlassung im März 1933 ausgeführt – also sechs Jahre. In dieser Zeit hat der Badische Staat ihr pro Jahr mehr als 4.300 RM an Gehalt vorenthalten. Berücksichtigt man, dass sie die höchste Gehaltsstufe erst 1931 erreicht hat, kann man davon ausgehen, dass die Gesamtsumme am Ende zwischen 35.000 und 40.000 RM lag.
Fazit
Lilli Fischel finanzierte durch das ihr vorenthaltene Gehalt faktisch die Sanierung anderer staatlicher Institutionen. Heute würde man das Lohndumping nennen. Dass die ökonomische Ausbeutung ihrer fachlichen Exzellenz nahtlos in die rassistische Verfolgung ab 1933 überging, ist ein weiteres dunkles Kapitel der Karlsruher Museumsgeschichte. Da diese Zusammenhänge kunsthistorisch bisher kaum beleuchtet wurden, haben wir hier detaillierter darüber berichtet, als geplant. Deshalb machen wir an dieser Stelle einen Schnitt und berichten in den nächsten beiden Newslettern unter den folgenden Titeln weiter:
- Teil 2 - Ihr Kampf für die Kunst der Moderne
- Teil 3 - Ihr Kampf um Wiedergutmachung
Quellen
Die obigen Informationen zu Fischels akademischen Werdegang sind in der Akte GLA 441-2 533 dokumentiert. Die Informationen zur Besetzung der Direktorenstelle stammen aus der Akte GLA 235-40 248 des Generallandesarchivs in Karlsruhe.
Anmerkung zum Foto von Lilli Fischel
Es gibt nur zwei Fotos von Lilli Fischel. Beide stammen von der Bauhausfotografin Lucia Moholy, deren Nachlass von der VG Bild-Kunst in Bonn verwertet wird. Da wir eine Lizenz für fünf Jahre benötigen und die Lizenzgebühr in voller Höhe für jede Unterseite anfällt, auf der wir das Foto veröffentlichen, sind wir bei einem vierstelligen Euro-Betrag. Für ein nicht-kommerzielles Erinnerungsprojekt wie wir es sind, halten wir diese Gebühr für vollkommen überzogen!