Leiterin der Kunsthalle Karlsruhe (1927 - 1933)
Nach dem Tod von Willy Storck im Jahr 1927 übernahm Lilli Fischel die kommissarische Leitung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. In dieser bis 1933 währenden Phase verantwortete sie die operative und wissenschaftliche Führung des Hauses vollumfänglich. Parallel zur Sammlungsverwaltung forcierte Fischel die wissenschaftliche Erschließung der altdeutschen Bestände. Ihre Forschung zur mittelalterlichen Malerei am Oberrhein, insbesondere zur „Karlsruher Passion“, bildete in diesen Jahren den Schwerpunkt ihrer kunsthistorischen Arbeit. Ihr kuratorischer Fokus lag auf der Konsolidierung der Abteilung für moderne Kunst, wobei sie die von Storck begonnene Ankaufspolitik mit Schwerpunkt auf den französischen Realismus und Impressionismus fortführte.
Die Ankäufe von Hans von Marées’ „Familienbild II“ und Edvard Munchs „Straße in Åsgårdstrand“ bildeten die zentralen Angriffsflächen, an denen sich die völkische und nationalsozialistische Kritik gegen Lilli Fischel entzündete. Fischel geriet durch diese Erwerbungen in das Fadenkreuz einer bereits Ende der 1920er Jahre erstarkenden rechtsextremen Opposition in Baden. Besonders der Ankauf des Munch-Werkes wurde ihr als mangelndes Nationalbewusstsein und Verschwendung öffentlicher Mittel in Zeiten der Wirtschaftskrise ausgelegt. Während sie die „Straße in Åsgårdstrand“ als essenzielles Zeugnis des europäischen Expressionismus verteidigte, stigmatisierten ihre Gegner das Bild als Ausdruck eines „fremdrassigen“ und „krankhaften“ Kunstverständnisses.
Auch das „Familienbild II“ von Marées, das Fischel 1930 erwarb, blieb nicht verschont. Obwohl Marées heute als Klassiker gilt, wurde Fischels Vorliebe für den „deutsch-römischen“ Kreis und die damit verbundene intellektuelle, weg von der rein naturalistischen Malerei führende Ästhetik, als elitär und „volksfern“ diffamiert. Die Angriffe gegen sie waren dabei zunehmend persönlich und ideologisch motiviert: Man warf ihr vor, eine „jüdisch-marxistische“ Kunstpolitik zu betreiben, die den badischen Steuerzahler belaste. Ein wesentlicher Aspekt der Kampagne gegen Lilli Fischel war der Vorwurf einer „einseitigen“ und „heimatfernen“ Erwerbungspolitik, die zur Verarmung badischer Künstler geführt hätte. Während der Weltwirtschaftskrise ab 1929 reagierte Lilli Fischel allerdings auf die existenzielle Not der Karlsruher Künstlerschaft, indem sie in den Räumen der Kunsthalle eine Speisung für notleidende Künstler organisierte. Diese Initiative wurde ihr jedoch von völkischen Kreisen später als politisch motivierte Zweckentfremdung der staatlichen Institution angelastet. Man warf ihr vor, die lokale Kunstszene lediglich mit „Almosen“ abzuspeisen, statt sie durch systematische Ankäufe zu fördern.
Diese Kampagnen, die vor allem in der NS-Presse und durch lokale Akteure wie Hans Adolf Bühler befeuert wurden, zielten darauf ab, Fischel fachlich zu diskreditieren und ihre Position als kommissarische Leiterin unhaltbar zu machen. Die gezielten Diffamierungen wegen ihres modernen Sammlungs- und Forschungskonzeptes bildeten die unmittelbare Grundlage für ihre fristlose Kündigung im Frühjahr 1933. Am 11. März wird Lilli Fischel mit sofortiger Wirkung „beurlaubt“ und zum 7. April in den Ruhestand versetzt.
Exil in Paris (1933 - 1939)
Unmittelbar nach ihrer Entlassung emigrierte Lilli Fischel nach Paris - zum einen weil sie nach ihrer Entfernung aus dem Staatsdienst als „Halbjüdin“ und „Nichtarierin“ ihre bürgerliche Existenz verloren hatte. Das am 7. April 1933 erlassene „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ bildete die rechtliche Handhabe, um sie aufgrund ihrer Herkunft sowie ihrer „politischen Unzuverlässigkeit“ aus dem Staatsdienst zu entfernen. Für eine Frau in ihrer exponierten Position als faktische Leiterin einer staatlichen Institution bedeutete dies das sofortige Ende jeder legalen Erwerbsmöglichkeit im deutschen Kulturbetrieb. Zum zweiten wurde Lilli Fischel über Jahre in der NS-Presse, insbesondere im Karlsruher Kampfblatt „Der Führer“, persönlich angegriffen. Diese öffentliche Markierung als „jüdisch-marxistische“ Funktionärin stellte eine erhebliche psychische Belastung und eine soziale Ächtung dar, die jederzeit in physische Gewalt umschlagen konnte.
In der französischen Metropole gelang es ihr, ihre professionelle Existenz im privaten Kunsthandel zu reaktivieren. Sie fand Anstellung bei dem renommierten Kunsthändler Paul Tiocca, für den sie als wissenschaftliche Expertin tätig war. In dieser Funktion verantwortete Fischel die Katalogisierung, Begutachtung und Authentifizierung von Kunstwerken. Die Tätigkeit bei Tiocca war für sie weit mehr als eine ökonomische Absicherung im Exil; sie bot ihr die notwendige Plattform, um ihre kunsthistorische Expertise auf internationalem Niveau einzubringen und den Zugang zu bedeutenden europäischen Sammlungen zu wahren, während ihr in Deutschland jede wissenschaftliche Betätigung untersagt war. Unter Pseudonym publizierte sie weiterhin in internationalen Zeitschriften kunsthistorische Beiträge.
Parallel zu ihrer Arbeit im Kunsthandel nutzte Fischel die Pariser Museums- und Archivlandschaft, insbesondere den Louvre, für ihre privaten Forschungen zur altdeutschen und französischen Malerei. Trotz der prekären rechtlichen Lage als Emigrantin gelang es ihr, ihre methodische Arbeit im Bereich der Stilkritik zu vertiefen und den intellektuellen Austausch mit anderen Exilanten zu pflegen. Diese Phase in Paris endete jedoch mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs.
Rückkehr nach Deutschland (1939 - 1945)
Unmittelbar nach dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 wurden deutsche Staatsangehörige in Frankreich als ‚Ressortissants ennemis‘ (feindliche Ausländer) eingestuft. Damit verlor Fischel ihren Status als geduldete Emigrantin und musste mit der Einweisung in ein Internierungslager rechnen. Da sie keine Möglichkeit zur Ausreise in sichere Drittländer hatte, kehrte sie nach Deutschland zurück. Ab 1940 baute sie sich in München eine neue Existenz auf und erwirtschaftete dort ab 1941 wieder ein Einkommen im Kunsthandel.
Dabei agierte Lilli Fischel in einer Grauzone. Laut der Dissertation von Katrin Engelhardt (Hamburg 2013) stand Lilli Fischel schon 1940 in Kontakt mit dem berliner Kunsthändler Ferdinand Möller, der zu den wenigen ausgewählten Kunsthändlern gehörte, die vom NS-Propagandaministerium beauftragt wurden, als „entartet“ beschlagnahmte Werke aus deutschen Museen zu verwerten. Noch 1944 fragte Lilli Fischel bei Möller gezielt nach Gemälden von Ernst Ludwig Kirchner an, darunter Werke wie „Mondaufgang auf Fehmarn“ (1914) und „Frau im Grünen“ (1914), die als Kommissionsware des Propagandaministeriums geführt wurden. Die beiden Werke wurden 1937 im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ aus dem Museum Folkwang in Essen („Mondaufgang“) und dem Stettiner Stadtmuseum („Frau im Grünen“) zwangsweise entfernt. Formal gesehen vermittelte Fischel damit Werke, die der Staat den Museen geraubt hatte, an private Interessenten. Da die moderne Kunst offiziell als „verfemt“ galt, war der Handel damit für Fischel einerseits ein wirtschaftliches Überlebensmodell, andererseits aber auch eine Form der Sicherung von Kulturgut in privaten Händen vor der drohenden Vernichtung oder dem Export ins Ausland.
Hier stellt sich allerdings noch eine ganz andere Frage: Wieso konnte Lilli Fischel die sechs Jahre von 1939 bis 1945 als sogenannter "Mischling ersten Grades" mit Berufsverbot bei ihrem Kunsthandel unbehelligt bleiben? Vermutlich nur, weil sie als ausgewiesene Expertin der Moderne von den NS-Kulturbehörden als Mittel gesehen wurde, die in den Museen beschlagnahmten Werke zu Geld zu machen. Dass Lilli Fischel dabei mitmachte, kann man heute von einem hohen moralischen Standpunkt zwar verurteilen, sollte dabei aber nicht außer Acht lassen, dass ihr genau dieses Agieren am Ende das wirtschaftliche Überleben gesichert hat
- Teil 1 - Ihr Kampf um berufliche Anerkennung
- Teil 3 - Ihr Kampf um Wiedergutmachung (noch nicht veröffentlicht)
Quellen
Die obigen Informationen stammen u.a. aus Fischels Wiedergutachungsakte, die unter der Signatur GLA 480-13186 im Generallandesarchiv in Karlsruhe zu finden ist. Sowie aus der Dissertation von Katrin Engelhardt mit dem Titel "Ferdinand Möller und seine Galerie - Ein Kunsthändler in Zeiten historischer Umbrüche" - Universität Hamburg 2013
Anmerkung zu dem ersten Portrait von Lilli Fischel