Das Leben von David Friedmann ist weit mehr als eine Künstlerbiografie; es ist ein eindringliches Zeitzeugnis des 20. Jahrhunderts. Als Maler, Grafiker und Chronist durchlief Friedmann die Extreme der Moderne – vom kulturellen Glanz der Berliner Jahre über die tiefsten Abgründe des Holocausts bis hin zu einem mühsamen, aber triumphierenden Neuanfang in den USA. Sein Werk steht heute als Symbol für die Unbeugsamkeit des menschlichen Geistes und die dokumentarische Kraft der Kunst als Mittel der menschlichen Selbstbehauptung gegenüber der totalen Entmenschlichung. Die folgende Biographie ist in Zusammenarbeit mit David Friedmanns Tochter Miriam Friedman Morris entstanden, die auch die englische Übersetzung verfasst hat.
Geboren am 20. Dezember 1893 in Mährisch-Ostrau, heute Ostrava in Tschechien, damals Österreich-Ungarn, ist David Friedmann als Sohn eines Blechners unter bescheidensten Verhältnissen aufgewachsen. Er machte zunächst eine Lehre als Schildermaler, aber in der kulturellen Aufbruchstimmung des frühen 20. Jahrhunderts entfaltete sich David Friedmanns Geist in einer seltenen Dualität der Künste. Bevor Berlin ihn zum Chronisten der Moderne machte, fand er seine künstlerische Identität zunächst in der Symbiose von Bild und Klang. Er begann ein Studium der Musik – die Geige wurde seine engste Vertraute, deren Disziplin und Rhythmik sich später in seinem lebhaften, präzisen Zeichenstil widerspiegeln sollten. Doch der Drang zur sichtbaren Form war stärker: 1911 zog es den Siebzehnjährigen in die vibrierende Kunstmetropole Berlin.
In Berlin arbeitet Friedmann zunächst als Schildermaler und später als Theatermaler. Nebenher nimmt er privaten Kunst- und Violinunterricht. Als er Max Liebermann seine Studien zeigte, empfahl dieser ihn Lovis Corinth, bei dem David Friedmann 1914 in die Meisterklasse aufgenommen wurde. Corinth vermittelte ihm die Grundlagen der modernen Ölmalerei. Zur gleichen Zeit erlernte er bei Hermann Struck die Kunst der Radierung. Auf Corinths Rat eröffnete David Friedmann 1914 sein eigenes Atelier in der Xantener Straße 23. Während des Ersten Weltkriegs diente er als Kriegsmaler in der Österreichisch-Ungarischen Armee. Mit Gründung der Tschechoslowakei, nach Ende des Ersten Weltkrieges, wird er tschechischer Staatsbürger und kehrt in sein Berliner Atelier zurück. Dort etablierte er sich als erfolgreicher Künstler. Er schuf Werke mit jüdischen Themen, impressionistische Landschaften, Stillleben, Interieurs, Akte und Porträts. Zwischen 1919 und 1933 waren seine Arbeiten ständig in den Ausstellungen der Berliner Akademie der Künste, der Berliner Sezession und in anderen Städten, wie Hamburg, Dresden oder München zu sehen.
David Friedmann besaß die seltene Gabe, das Wesen einer Person in Sekundenbruchteilen zu erfassen. Ob Schachweltmeister bei der Konzentration, Politiker im Reichstag oder Stars der Kabarettbühnen - Friedmanns Porträts prägten die visuelle Identität der großen Berliner Tageszeitungen. Da die tagesaktuelle Berichterstattung mangels kompakter Kameratechnik noch ohne die fotografische Momentaufnahme auskommen musste, griffen die Zeitungen auf versierte Pressezeichner zurück. David Friedmann entwickelte sich in diesem Umfeld zu einem der profiliertesten Illustratoren der Weimarer Republik.
In Friedmanns Skizzenblöcken begegneten sich die prägenden Köpfe einer ganzen Epoche. Mit schnellem, sicherem Strich hielt er die intellektuelle und künstlerische Elite fest: von den Nobelpreisträgern Albert Einstein und Thomas Mann über den Malerfürsten Max Liebermann bis hin zu internationalen Staatsmännern wie dem britischen Premierminister Ramsay MacDonald. Friedmann war kein bloßer Beobachter aus der Ferne; er arbeitete inmitten der Machtzentren der Republik und hielt die politische und kulturelle Dynamik der Weimarer Jahre fest. Diese beeindruckende Karriere wurde nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten abrupt beendet. 1933 wurde er als Jude mit Berufsverbot belegt. Er wurde angewiesen, seine Werke aus allen Galerien zu entfernen. Damit verlor er nicht nur seine Existenzgrundlage, sondern wurde auch zur Zielscheibe systematischer Verfolgung.
Nach der abrupten Beendigung seiner Karriere als Künstler, gab Friedmann 1933 sein Atelier auf und gründete eine Malerfirma, die Wohnungen und Häuser renovierte. 1937 heiratete er Mathilde Fuchs und 1938 wurde seine Tochter Mirjam Helene geboren. Nach der Reichsprogromnacht am 9. November 1938 musste Friedmann seine Firma schließen und alle Arbeiter entlassen.
Dazu David Friedmann in einem Lebenslauf, den er 1945 verfasst hat:
Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 nahm meine künstlerische Tätigkeit ein jähes Ende. Meine Kunst konnte ich nur noch im beschränkten Kreise meiner jüdischen Freunde ausüben. Ende 1938 veranlassten mich die äußeren Umstände mit Frau und meinem drei Monate alten Kind Berlin fluchtartig zu verlassen.
David Friedmann flüchtete mit seiner Familie nach Prag, wo er wieder als Künstler arbeiten konnte. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht am 15. März 1939 in der tschechoslowakischen Hauptstadt, war Friedmann wieder in der gleichen Situation wie wenige Monate vorher in Berlin. Im Oktober 1941 wurde die Familie in das Ghetto Litzmannstadt - heute Łódź - deportiert. 1944 folgt die Verschleppung nach Auschwitz-Birkenau. Seine Frau und seine sechsjährige Tochter wurden in den Gaskammern von Auschwitz ermordet, wohingegen ihm sein zeichnerisches und malerisches Talent im Außenlager Gleiwitz I das Leben rettete. Friedmann porträtierte SS-Offiziere und heimlich Mitgefangene, was ihm strengstens untersagt war.
Aufgrund der nach Westen vorrückenden Roten Armee wurden die Häftlinge am 18. Januar auf den Todesmarsch (siehe Bild rechts - nicht Teil der Sammlung) nach Westen in das Arbeitslager Blechhammer geschickt. Die 45 Kilometer bei extremer Kälte hat David Friedmann überlebt. Am 21. Januar kamen die Überlebenden in Blechhammer an und wurden anschließend von der SS weiter in Richtung Westen getrieben. David Friedmann konnte sich mit anderen entkräfteten Häftlingen im Lager verstecken und so seinem sicheren Tod entgehen. Am 25. Januar 1945 wurde er von der Roten Armee befreit. Bei der Befreiung wurden nur noch wenige Häftlinge lebend aufgefunden.
In der Rückschau berichtet David Friedmann im Lebenslauf über die Zeit im Ghetto bis zu seiner Befreiung wie folgt:
Meine Sinne und Augen nahmen all diese ungewöhnlichen Eindrücke begierig auf. In dem unendlichen Elend fand ich Motive, die mich stets interessiert hatten. Den Tod vor Augen durch Hunger und Krankheiten arbeitete ich unentwegt mit einer Folge von Zeichnungen, Radierungen und Gemälden, die unser Schicksal schilderten. Ende August 1944 wurde dieses Ghetto evakuiert. Wir wurden nach dem Vernichtungslager Auschwitz gebracht, wobei ich alle meine Sachen einschließlich meiner künstlerischen Dokumente abliefern musste. Damals ahnte ich noch nicht, dass meine Frau und mein sechs Jahre altes Kind in den Gaskammern von Auschwitz den Tod finden sollten. Und weiter kam ich über das Konzentrationslager Gleiwitz nach dem Konzentrationslager Blechhammer, wo ich am 25. Januar 1945 durch die Rote Armee mit meinen Kameraden befreit wurde.
Friedmann begab sich in den folgenden Monaten über Krakau, Mährisch-Ostrau nach Prag, in der Hoffnung, seine Frau und seine Tochter zu finden. Seine Suche blieb erfolglos. Zu diesem traumatischen Erlebnis schreibt er:
Erst später erfuhr er, dass seine Frau Mathilde und seine Tochter Mirjam Helene ermordet wurden. Im Januar 1946 lernte er im tschechischen Český Dub seine zweite Frau Hildegard Taussig kennen, die ebenfalls mehrere Konzentrationslager überlebt hat. Sie trafen sich in einem Erholungsheim, in dem ehemalige Verfolgte wieder zu Kräften kommen konnten. Am 27. Mai 1948 haben sie in Prag geheiratet. Von 1945 bis 1948 entstanden die ersten Werke, in denen David Friedmann die in den KZ erlebten Gräuel thematisierte. Er gab der Serie den Titel: "Weil Sie Juden waren!"
Zu seiner Motivation schreibt er in seinem Lebenslauf:
Die aus dem Gedächtnis herausgerissenen Skizzen, zunächst in Schwarz-Weiß, betrachte ich als den Anfang eines neuen Weges, den ich als Folge des Durchlebten jetzt gehen muss.
Friedmanns erste Ausstellung nach der Befreiung im Rathaus von Český Dub war eine der weltweit ersten Präsentationen von Kunst über den Holocaust. Aufgrund der stalinistischen Politik der neuen kommunistischen Regierung in der Tschechoslowakei und eines zunehmenden Antisemitismus entschied sich das Ehepaar zur erneuten Flucht.
Auf der Suche nach Sicherheit und einem dauerhaften Exil emigrierten David Friedmann und seine Frau 1949 in den neu gegründeten Staat Israel. Nach seiner Ankunft arbeitete Friedmann in einer Werkstatt in Tel Aviv, die Schilder herstellte. Um 1951 machte er sich mit einem eigenen Grafik- und Werbebüro selbständig. Er nutzte sein Können als Zeichner, um Plakate und Informationsmaterialien zu entwerfen, während er in seiner freien Malerei die sonnendurchfluteten Landschaften des Landes in leuchtenden Farben festhielt. Die Werke dieser Jahre strahlen Optimismus und Vitalität aus – sie waren der künstlerische Ausdruck eines mühsam erkämpften Neuanfangs in einer neuen Heimat. Dennoch blieb seine Existenz in Israel finanziell prekär. Friedmann konnte sich in dem neu gegründeten Staat nur mühsam über Wasser halten und hatte Schwierigkeiten, den Lebensunterhalt für sich und seine Familie zu erwirtschaften. Deshalb traf er 1954 eine weitere mutige Entscheidung: die Auswanderung in die Vereinigten Staaten von Amerika.
In St. Louis, Missouri, startete Friedmann im Alter von über 60 Jahren eine beeindruckende zweite Karriere. Er stellte seine grafische Vielseitigkeit unter Beweis und etablierte sich erfolgreich in der amerikanischen Werbeindustrie. Er arbeitete als Werbegrafiker für die General Outdoor Advertising Company, wo er großformatige Plakatwände (Billboards) mit entworfen und malerisch gestaltet hat. David Friedmann und seine Familie wurden 1960 amerikanische Staatsbürger und änderten ihren Nachnamen in Friedman.
Mit seinem Eintritt in den Ruhestand widmete er sich wieder mit voller Kraft der Aufarbeitung seiner Vergangenheit und begann zehn Jahre nach seiner Ankunft in den USA damit, das in den Vernichtungslagern Erlebte ein zweites Mal künstlerisch aufzuarbeiten. Auch dieser Serie gab er den Titel „Weil sie Juden waren!“ Zwei dieser Werke sind nun Teil unserer Sammlung und am Seitenanfang zu sehen. In der Radierung „Häftlinge beim Ziegelschleppen“ stellt er sich selbst als Gefangenen mit Brille dar, um zu zeigen, dass er nicht nur Zeuge, sondern auch Opfer war (vorne rechts). Diese düsteren, tief beeindruckenden Zeichnungen bilden einen scharfen Kontrast zu seinen lichten Israel-Bildern und basieren auf seinem phänomenalen visuellen Gedächtnis. Bis zu seinem Tod am 27. Februar 1980 blieb Friedmann unermüdlich aktiv.
Heute gehören seine Werke zu den wichtigsten visuellen Dokumenten des Holocausts. Sein künstlerischer Nachlass, der heute in bedeutenden Institutionen wie Yad Vashem, dem United States Holocaust Memorial Museum, dem Leo Baeck Institute (New York/Berlin) und dem Centrum Judaicum in Berlin bewahrt wird, ist das Vermächtnis eines Mannes, dessen schöpferischer Geist durch die Geschichte nicht gebrochen werden konnte.
Ein Jahr nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Prag, fragte David Friedmann Anfang 1940 bei der Gestapo nach, ob er wieder nach Berlin zurückkehren kann. Da ihm dies verweigert wurde, beauftragte er im Frühjahr 1940 seinen Bruder, die gesamte Einrichtung seiner Berliner Wohnung in einem Lagerhaus der Spedition Silberstein & Co deponieren zu lassen. Seine Wertgegenstände und wichtige Kunstwerke übergab er seinem Schwiegervater. Sowohl das Lagerhaus, wie auch die Wohnung seines Schwiegervaters wurden später geplündert. Seine Werke in der Prager Wohnung wurden, nach seiner Deportation in das Ghetto Litzmannstadt im Oktober 1941, von den NS-Behörden beschlagnahmt. Außer seiner Wohnungs- und Ateliereinrichtung hat Friedmann mehrere Hundert Ölbilder und graphische Werke verloren. Der Verbleib dieser Werke ist bis heute ungeklärt. Vermutlich wurde ein Großteil davon vernichtet.
David Friedmann gehörte nach Kriegsende zu den ersten Künstlern, die eine Entschädigung für geplünderte und beschlagnahmte Kunstwerke erhielten. Der Titel seines Restitutionsverfahrens lautete: „In der Rückerstattungssache des Kunstmalers David Friedmann gegen das Deutsche Reich“. Das oberste Rückerstattungsgericht in Berlin hat ihm 1961 in Summe 17.500 DM Entschädigung für Verluste zugesprochen, die er infolge der Plünderungen in Berlin erlitten hat. Für die in Prag beschlagnahmten Werke hat er keine Entschädigung erhalten.
Das Urteil des Obersten Restitutionsgerichtshofs, der international besetzt war und 1953 von den Alliierten eingesetzt wurde (Supreme Restitution Court) war ein bedeutender Sieg für David Friedmann. Allerdings hat es fast acht Jahre gedauert, bis das Gericht entschieden hat. In diesen acht Jahren musste Friedmann beweisen, dass die Bilder existierten und welchen Wert sie hatten – eine fast unmögliche Aufgabe. Außerdem musste er eidesstattliche Versicherungen von Zeitzeugen vorlegen, die seine Aussagen bestätigt haben.
Die von Friedmann aus der Vorkriegszeit erhaltenen und nach dem Krieg gemalten Werke, befinden sich heute in vielen Museen und öffentlichen Sammlungen weltweit:
Dass das Lebenswerk von David Friedmann heute noch sichtbar ist, ist untrennbar mit dem jahrzehntelangen Engagement seiner Tochter Miriam Friedman Morris verbunden. Geboren in Israel und aufgewachsen in den USA, widmete sie ihr Leben der Aufgabe, das verschollene und größtenteils geplünderte Œuvre ihres Vaters zu rekonstruieren und der Weltöffentlichkeit zugänglich zu machen. Ihr Wirken versteht sich dabei nicht allein als familiäre Nachlasspflege, sondern als aktiver Beitrag zur visuellen Dokumentation des Holocaust.
Miriam Friedman Morris und Karin Handschuh haben wir das Werk in unserer Sammlung zu verdanken. Es ist eine Radierung, die um 1925 entstanden ist. Exakt hundert Jahre später, tauchte sie 2025 in einer Spendenkiste in einem Second-Handladen in Quedlinburg wieder auf. Da der Rahmen defekt war, konnte das Bild nicht aufgehängt werden und wanderte ein Jahr lang von einer Ecke in die andere, bis die Mitarbeiterin Karin Handschuh, die von dem Motiv fasziniert war, das Bild mit nach Hause nahm und den Rahmen reparierte. Da das Werk gut lesbar signiert war, wollte sie wissen, wer David Friedmann ist und stieß bei ihren Recherchen auf seine in New York lebende Tochter Miriam, die ihr bestätigte, dass das Werk von ihrem Vater stammt, der bei seiner Einbürgerung in den USA das zweite "n" aus seinem Nachnamen gestrichen hatte.
Die Inhaberin des Second-Handladens Mareike Fux und ihre Mitarbeiterin Karin Handschuh hatten dann beschlossen, das Bild nicht zu verkaufen, sondern es Miriam Friedman Morris zu schenken. Da Miriam schon einen Abzug des Motivs "Am Werbellinsee" besaß und kurz vorher unsere Webseite entdeckt hatte, schickte sie uns eine Email mit der Frage: "Kennen Sie David Friedmann?" Natürlich kannten wir ihn und antworteten, dass wir leider noch kein Werk von ihm gefunden haben. Die Antwort von Frau Friedman Morris: "Dann haben Sie jetzt eins!" Die beiden Entdeckerinnen des Werkes aus Quedlinburg waren mit dieser Lösung einverstanden und haben uns die Radierung per Post zugeschickt. Nun bleibt sie dauerhaft sichtbar und ist hier in voller Größe zu sehen.
Im folgenden ein Bericht der Mitteldeutschen Zeitung vom 2. Februar 2026 über diesen außergewöhnlichen Fund:
Digitalisat des Artikels vom 2. Februar 2026
Mit freundlicher Genehmigung der MZ
In der pulsierenden Medienwelt der Weimarer Republik war David Friedmann nicht allein. In den Pressegalerien des Reichstags und den Künstlercafés Berlins begegnete er regelmäßig seinem Kollegen Emil Stumpp (1886–1941), dessen Werke ebenfalls in unserer Sammlung zu finden sind. Beide gehörten zur absoluten Elite der deutschen Pressezeichner und hielten die prägenden Persönlichkeiten der ersten deutschen Demokratie mit schnellem, meisterhaftem Strich für die großen Tageszeitungen fest. Obwohl Emil Stumpp kein Jude war, wurde sein Leben schon 1941 im Alter von 55 Jahren durch die NS-Schergen beendet.