Felix Nussbaums Gouache Schloss in Rapallo entsteht im Sommer 1934 an der italienischen Riviera. Nach dem Verlust seines Villa-Massimo-Stipendiums in Rom (1933), markiert dieser Aufenthalt den Auftakt seiner jahrelangen Flucht vor den Nationalsozialisten. Es ist kein unbeschwerter Urlaub, sondern das von tiefer Ungewissheit geprägte, letzte Wiedersehen mit seinen jüdischen Eltern vor deren Deportation. Die traumatische Situation erzwingt auch eine künstlerische Umstellung: Mangels eines Ateliers wendet sich Nussbaum von der Ölmalerei ab und entdeckt die Handlichkeit der Gouache auf Papier.
Das Werk zeigt das Castello sul Mare, eine Festung aus dem 16. Jahrhundert direkt an der Küste. Nussbaum wählt eine leicht erhöhte, distanzierte Perspektive und rückt statt eines romantischen Postkartenmotivs den wehrhaften Charakter der Architektur in den Fokus. Der Aufbau folgt einer strengen Geometrie: Das Schloss besetzt massiv die linke Bildhälfte, während die Kaimauer im Vordergrund als visuelle Barriere den Betrachterraum rigoros vom Bildraum trennt. Verstärkt wird diese beklemmende Szenerie durch den düsteren, von dunklen Wolken verhangenen Himmel, der bedrohlich über der Bucht liegt. Auffallend ist zudem die absolute Menschenleere – ein zentrales psychologisches Motiv in Nussbaums Exilkunst. Wo das mediterrane Licht Vitalität einfordern würde, herrscht eine lähmende, melancholische Stille. Das Schloss mutiert zum Symbol einer Festung oder eines unerreichbaren Zufluchtsortes.
Die samtig-matte Gouachefarbe deckt die Flächen kräftig ab, lässt aber gleichzeitig die feine Struktur des Papiers lebendig durchschimmern. Die Farbpalette verweigert sich bewusst einer naiven Buntheit. Es dominieren erdige, warme Ocker- und Sienatöne in den Schlossmauern, die in hartem Kontrast zu den kühlen, schweren Blautönen des Ligurischen Meeres stehen. Das Licht, obwohl durch scharfe Schattenwürfe deklariert, strahlt keine Wärme aus. Es ist ein kaltes, analytisches Licht, das die Konturen schneidet und die Einsamkeit des Ortes grell ausleuchtet. Die kontrollierte, flächenhafte Pinselführung verleiht der Szenerie eine eigentümliche, fast surreale Starre.
Stilistisch steht das Werk in der Tradition der Neuen Sachlichkeit, öffnet sich hier jedoch bereits den Einflüssen der italienischen Pittura Metafisica (Metaphysische Malerei) eines Giorgio de Chirico. Diese Strömung nutzte leblose Architekturen, um Gefühle von Entfremdung und Melancholie auszudrücken. Das Bild wird so zu einem psychologischen Selbstzeugnis im Gewand einer klassischen Vedute. Anstatt die italienische Küste als idyllischen Urlaubsort darzustellen, nutzt Nussbaum die Architektur als politische Chiffre: Die wehrhafte, isolierte Festung spiegelt die reale Bedrohung des Künstlers, seine Ausgrenzung aus der Heimat und die schmerzhafte Gewissheit wider, dass die südländische Idylle nur eine temporäre Kulisse auf dem Weg in die finale Katastrophe des Exils ist.
| 1934 | Entstehung in Rapallo |
| nach 1934 | im Besitz eines namentlich nicht bekannten, mit Nussbaum befreundeten Künstlers |
| nach 1939 | im Besitz einer namentlich nicht bekannten spanischen Emigrantin, die im Marolles-Viertel ein Wirtshaus mit Zimmervermietung betrieben hat. (Schenkung des vorgenannten Künstlers beim Auszug) |
| nach 1977 | im Besitz der Nichte (Juanita Esdrada Menéndez, geb. in Asturien, †2021) der vorgenannten Wirtin (Schenkung bei Rückkehr der Wirtin nach Francos Tod nach Spanien) |
| ab 2013 | im Besitz von Max de Brouwer, Brüssel (Erwerb durch Hilfe bei der Auflösung der Wohnung in der Rue des Visitandines, Marolles-Viertel, Brüssel, von Juanita Esdrada Menéndez vor deren Auswanderung nach Spanien) |
| 2018 | Versteigerung am 1. Juni im Auktionshaus Lempertz, Köln, Auktion 1111 (Moderne Kunst), Los 490 an den Kunsthandel Henneken, Bad Iburg (eingeliefert durch Max de Brouwer) |
| 2026 | Erworben von der Sammlung „Lost Generation Art“ Karlsruhe vom Kunsthandel Henneken |
Obwohl der Name des Künstlerfreundes bisher nicht bekannt ist, lässt sich das historische Szenario des Überganges unseres Werkes an eine spanische Pensionswirtin im Brüsseler Stadtteil Marolles in den 1930er Jahren präzise rekonstruieren. Das Marolles-Viertel war das damalige Zentrum für mittellose, jüdische und antifaschistische Flüchtlinge. Die Erwähnung einer „spanischen Wirtin“ ist dabei ein markantes zeitgenössisches Detail: Nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs und dem Sieg Francos am 1. April 1939, fand eine Massenflucht nach Frankreich statt. Frankreich war völlig überfordert und sperrte die Menschen in improvisierte Internierungslager am Strand. Wer die Möglichkeit, Kontakte oder Geld hatte, floh aus diesen Lagern sofort weiter in westeuropäische Großstädte wie z. B. nach Brüssel. In der Folge entstand ab 1939 in den Marollen – insbesondere in Straßen wie der Rue Blaes, Rue Haute oder Rue du Miroir nahe dem Place du Jeu de Balle – ein enges Netzwerk spanisch-republikanischer Flüchtlinge, die dort einfache Pensionen betrieben.
Dass unser Werk nach nach dem Auszug des Künstlerfreundes bei der Pensionswirtin verblieb, lässt sich plausibel damit erklären, dass offene Mietschulden statt mit Geld, oft mit Kunstwerken oder Sachwerten beglichen wurden. Nach Francos Tod im Jahre 1975 und dem spanischen Amnestiegesetz in 1977 setzte eine große Rückkehrwelle nach Spanien ein. In deren Zuge ist vermutlich auch die erwähnte Wirtin nach Spanien zurückgekehrt und unser Werk verblieb bei ihrer Nichte.