Felix Nussbaum wurde am 11. Dezember 1904 in Osnabrück als zweiter Sohn des jüdischen Kaufmanns Philipp Nussbaum und seiner Frau Rahel (geb. van Dijk) geboren. Die gutbürgerliche Familie war dem Reformjudentum zuzurechnen. Der Vater, der eine erfolgreiche Eisenwarenhandlung betrieb und selbst ein leidenschaftlicher Hobbymaler war, erkannte und förderte das Talent seines Sohnes früh. Seine künstlerische Ausbildung begann Nussbaum in den Jahren 1922 bis 1923 an der Staatlichen Kunstgewerbeschule in Hamburg. Nach einem kurzen Wechsel an die private Berliner Malschule von Lewin-Funcke setzte er sein Studium von 1924 bis 1930 an den renommierten Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst in Berlin fort, wo er schließlich als Meisterschüler des Malers Hans Meid abschloss.
In der Berliner Kunstszene etablierte er sich schnell als vielversprechender Vertreter der „Neuen Sachlichkeit“ und feierte in den späten 1920er Jahren mit humorvollen, gesellschaftskritischen Werken wie dem Gemälde „Der tolle Platz“ große Erfolge. Der absolute Höhepunkt seiner jungen Karriere folgte im Jahr 1932: Nussbaum erhielt das prestigeträchtige Stipendium für die Villa Massimo in Rom, die höchste Auszeichnung für deutsche Nachwuchskünstler. Diese Förderung entzogen ihm die Nationalsozialisten jedoch abrupt im Frühjahr 1933 nach ihrer Machtübernahme. Im Zuge der antisemitischen Gleichschaltung wurde der jüdische Maler gezwungen, die Deutsche Akademie in Rom zu verlassen.
Bereits 1932 verlor Felix Nussbaum durch einen Brandanschlag auf sein Berliner Atelier einen Großteil seiner frühen Werke. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 zerbrach Nussbaums Welt endgültig über Nacht. Wegen der einsetzenden Judenverfolgung verließ er noch im selben Jahr Deutschland und kehrte nie wieder zurück. Im Jahr 1934 traf er seine Eltern im italienischen Rapallo. Diese hatten zunächst Zuflucht in der Schweiz gesucht und waren dann nach Italien weitergereist. Aufgrund finanzieller Nöte und starkem Heimweh trafen die Eltern 1935 jedoch die folgenschwere Entscheidung, wieder nach Deutschland zurückzukehren.
Für ihren Sohn Felix begann eine jahrelange, qualvolle Odyssee durch Europa, die ihn über Italien zunächst nach Frankreich und dann nach Belgien führte. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, der polnischen Malerin Felka Platek, versuchte er in Ostende und Brüssel mühsam, ein neues Leben im Exil aufzubauen. Doch das Gefühl der Heimatlosigkeit, die fehlende Perspektive und die ständige Angst vor der Ausweisung lähmten ihn zunehmend und spiegelten sich in düsteren, melancholischen Bildern wider
Als die deutsche Wehrmacht 1940 in Belgien einmarschierte, spitzte sich die Lage dramatisch zu. Nussbaum wurde als „unerwünschter Ausländer“ verhaftet und in ein südfranzösisches Internierungslager verschleppt. Ihm gelang die Flucht, und er kehrte heimlich nach Brüssel zurück. Von 1940 bis 1944 lebte das Ehepaar Nussbaum vollständig isoliert im Untergrund, versteckt in einer Dachwohnung, ununterbrochen bedroht von Denunziation und Deportation. In diesem Versteck entwickelte Nussbaum eine vollkommen eigene, symbolgewaltige Bildsprache. Das Malen wurde für ihn zu einem existenziellen Akt des Widerstands. Inmitten der totalen Isolation schuf er seine heute weltberühmten Hauptwerke, in denen er das unvorstellbare Leid, die Angst und die Ohnmacht der verfolgten Jüdinnen und Juden dokumentierte.
Am 20. Juni 1944 – Brüssel stand kurz vor der Befreiung durch die Alliierten – wurden Felix Nussbaum und seine Ehefrau Felka Platek in ihrem Versteck verraten. Sie wurden von der Gestapo verhaftet und am 31. Juli 1944 mit dem letzten Transport (Nr. XXVI, Felix Nussbaum mit der Häftlingsnummer 284 und Felka Platek mit der Nummer 285) aus dem belgischen Sammellager Mechelen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Jahrzehntelang wurde in der Geschichtswissenschaft und in Museen angenommen, dass beide direkt nach der Ankunft im August 1944 in den Gaskammern ermordet wurden. 1955 wurde Nussbaum sogar gerichtlich offiziell auf den 9. August 1944 für tot erklärt
Ein sensationeller Dokumentenfund im russischen Staatsarchiv in Moskau im Jahr 2014 brachte jedoch die historische Gewissheit, dass dieses angenommene Todesdatum falsch war: Dort wurde eine originale Krankenakte aus dem Lagerlazarett (Block 21) von Auschwitz entdeckt. Diese belegt zweifelsfrei, dass Nussbaum als arbeitsfähig selektiert wurde, die Häftlingsnummer B-3594 erhielt und noch am 20. September 1944 wegen einer Entzündung am Zeigefinger medizinisch behandelt wurde. Er überlebte den August also nachweislich und starb erst im Herbst oder Winter, kurz vor der Befreiung des Lagers. Nussbaums künstlerisches Werk hat die Diktatur überdauert und gilt weltweit als eines der eindringlichsten visuellen Dokumente gegen das NS-Regime.
Unsere Sammlung umfasst ein historisch bedeutendes Werk aus Felix Nussbaums beginnender Exilphase: die Gouache „Schloss in Rapallo“ aus dem Sommer 1934. Das Werk entstand an der italienischen Riviera unter existenzieller Not nach dem Verlust seines Berliner Akademiestipendiums und dokumentiert das letzte Wiedersehen mit seinen Eltern vor deren Deportation. Mangels eines Ateliers markiert dieses Bild einen erzwungenen Epochenwechsel von der Ölmalerei hin zur handlichen Gouache auf Papier. Stilistisch in der Tradition der Neuen Sachlichkeit verankert, zeigt das Gemälde das menschenleere Castello sul Mare, das hier als politische Chiffre einer wehrhaften Festung und eines unerreichbaren Zufluchtsortes fungiert. Hier finden Sie eine ausführliche Beschreibung und die Historie des Werkes:
👉 Hier finden Sie eine ausführliche kunsthistorische Analyse des Werkes
Das Gesamtwerk von Felix Nussbaum hat heute ein enormes weltweites Ansehen und gilt als eines der wichtigsten künstlerischen Zeugnisse des Holocausts. Seine Gemälde werden in bedeutenden Institutionen bewahrt: