Joachim Weingart wurde am 9. Oktober 1895 in Drohobycz, einer Stadt in Galizien (damals Österreich-Ungarn, heute Ukraine), als Joachim Weingarten geboren. Bis 1925 verwendet er seinen vollen Namen bei der Signatur seiner Werke. Drohobycz war um 1900 ein kulturell und ethnisch vielschichtiger Ort mit einer bedeutenden jüdischen Bevölkerung, deren soziale Struktur vom traditionellen Handwerk bis zum assimilierten Bildungsbürgertum reichte. Weingart wuchs in einem jüdischen Milieu auf, das von religiöser Tradition, Mehrsprachigkeit (Jiddisch, Polnisch, Deutsch) und den politischen Spannungen der späten Habsburgermonarchie geprägt war. Sein Vater war ein Weinhändler, der früh starb. Die Mutter musste die beiden Kinder anschließend alleine aufziehen.
Künstlerische Ausbildung
Mit 17 Jahren verließ Joachim Weingart 1912 seine Heimatstadt, um in Weimar Zeichenunterricht zu nehmen. Er stellte 1912 zum ersten Mal in Lemberg an der Kunst- und Handwerksschule aus und 1914 in Wien, wo er die Akademie der bildenden Künste besuchte. 1916 erhielt er ein Stipendium von Carol Katz, einem Industriellen, Sammler und Mäzen, der dem Kreis der Lemberger Kunstliebhaber angehörte. Katz hat Weingarts malerisches Talent entdeckt und ihm die Möglichkeit gegeben, 1916 nach Berlin zu gehen, wo er sich weiteren künstlerischen Impulsen öffnete. Nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Ende er in Drohobycz und Lemberg erlebte, kehrte er 1921 wieder nach Berlin zurück. 1922 besuchte Weingart die Privatschule des Bildhauers Alexander Archipenko und lernte dort den Maler Zygmunt Menkès kennen, der ein prägender Kontakt für seinen weiteren Werdegang werden sollte. Im September 1923 fand eine Einzelausstellung im Haus der Gesellschaft der Freunde der Schönen Künste in Lemberg statt.
Pariser Jahre von 1923 bis 1942
Paris war in den 1920er Jahren das Zentrum der internationalen Avantgarde. Laut einem Brief von Zygmunt Menkès begleitete Joachim Weingart ihn 1923 nach Paris und teilte sich zunächst für zwei Jahre mit ihm ein Atelier im Hôtel Medical, einem ehemaligen Krankenhaus, in dem einige Räume als Ateliers an Künstler vermietet wurden. U. a. lebte hier auch Marc Chagall. Weingart gehörte bald zum Kreis der École de Paris, einer Gruppe von Künstlern aus Ost- und Mitteleuropa, die sich in Montparnasse niedergelassen hatten. Gemeinsam mit Künstlern wie Léon Weissberg, Alfred Aberdam und Zygmunt Menkès gründete er die sogenannte „Gruppe der Vier“, die 1925 in der Galerie Au Sacre du Printemps zum ersten Mal ausstellte.
1925 zog Joachim Weingart in ein eigenes Atelier in Montparnasse. Er verliebte sich in die junge Französin Muriel Marquet (1906 - 1974), die Tochter eines Arztes, die er trotz des Widerstands ihrer Eltern am 17. Juni 1926 heiratet. Am 5. Dezember 1926 wurde der gemeinsame Sohn Romain Weingarten (1926 - 2006) geboren, der später als Schriftsteller und Dramatiker bekannt wurde.
Um 1930 interessierte sich der Kunsthändler René Gimpel (1881 - 1945, KZ Neuengamme) für Weingarts Malerei und schloss mit ihm einen Verkaufsvertrag, der Weingart eine Phase künstlerischer und kommerzieller Anerkennung verschaffte. In dieser Zeit entstanden viele seiner bekannten Werke, darunter Portraits, Akte, Stillleben, Landschaften und Szenen aus dem Pariser Leben, oft mit expressivem, farblich nuanciertem Stil und dynamischem Duktus. Weingart gehörte zu den Stammgästen des Café du Dôme, wo sich die internationale Boheme traf. 1932 waren seine Werke zusammen mit Werken von Arnold Blaufuks (1894 - 1942, KZ Treblinka) und Jerzy Goldkorn (1905 - 1977) in Warschau in einer Ausstellung der Jüdischen Gesellschaft zur Förderung der Schönen Künste zu sehen.
Weingarts Ehe jedoch war von Schwierigkeiten geprägt und seine Frau hat ihn wohl Anfang der 1930er Jahre mit ihrem Sohn verlassen. Das führte bei Weingart zu einer tiefen persönlichen Krise und Depressionen. Trotz gesundheitlicher Probleme arbeitete er weiter intensiv in seinem Atelier. Ab 1934 schuf Weingart zunehmend Zeichnungen in Kohle. Zum Beispiel Porträts von Madame Gimpel. Seine mentale und körperliche Gesundheit verschlechterte sich jedoch weiter und er lebte in dieser Phase zusehends zurückgezogen und isoliert. Er stellte nicht mehr aus, was das schnelle Ende seiner Karriere besiegelte. Zwischenzeitlich war er in einer psychiatrischen Klinik.
Verfolgung und Tod
Mit der deutschen Besetzung Frankreichs im Juni 1940 verschärfte sich die Situation jüdischer Künstler dramatisch. Weingart wurde als Jude entrechtet und wirtschaftlich isoliert. Im März 1942 wurde er in seinem Pariser Atelier von der Gestapo verhaftet und zunächst in das Internierungslager Pithiviers gebracht. Am 17. Juli 1942 wurde er mit dem Transport Nr. 6 in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert, wo er ermordet wurde. Im selben Jahr nahm sich auch sein Bruder das Leben.
Ausstellungstätigkeit und zeitgenössische Rezeption
Weingart stellte in den 1920er und 1930er Jahren regelmäßig in Paris aus. Er nahm in diesen Jahren an den Ausstellungen wichtiger Pariser Salons teil. Darunter der Salon d’Automne, der Salon des Indépendants und der Salon des Tuileries, was seine Präsenz in der französischen Kunstszene der 1920er und frühen 1930er Jahre belegt. Kritiken zu seinen Werken erschienen vereinzelt in französischen Kunstzeitschriften, allerdings ohne nachhaltige institutionelle Anerkennung. Wie viele Künstler der École de Paris blieb Weingart im Spannungsfeld zwischen produktiver Integration und struktureller Marginalisierung.
Wiederentdeckung und Kunsthistorische Bewertung
Nach 1945 geriet Joachim Weingart – wie viele ermordete Künstler der École de Paris – weitgehend in Vergessenheit. Erst spätere Ausstellungen, private Sammlungen und Forschungen zur „Verlorenen Generation“ jüdischer Künstler führten zu einer vorsichtigen Wiederentdeckung seines Werks. So wurde sein Werk beispielsweise 1968 in der „Memorial Exhibition. Jewish Artists Who Perished in the Holocaust“ in Tel Aviv gewürdigt. Heute wird Weingart als Vertreter einer moderaten, figurativen Moderne gesehen, dessen Werk zwischen osteuropäischer Herkunft, französischer Avantgarde und individueller Handschrift vermittelt. Sein Œuvre steht exemplarisch für die kulturellen Verluste, die der Holocaust der europäischen Kunstgeschichte zugefügt hat.
Stilistische Einordnung unseres Werkes
Das vorliegende Gemälde zeigt eine halbfigurige Darstellung eines jungen Mannes in ruhiger, leicht nach rechts gewendeter Haltung. Die Figur ist isoliert vor einem nicht räumlich definierten, farblich verdichteten Hintergrund positioniert. Die Physiognomie ist bewusst reduziert und nicht porträthaft ausgearbeitet; die Hände sind überproportional betont und bilden den kompositorischen und psychologischen Schwerpunkt der Darstellung.
Die Malweise ist durch einen breiten, pastosen Pinselduktus und eine überwiegend warme Farbpalette aus Rot-, Ocker- und gebrochenen Weißtönen gekennzeichnet. Farbe dient primär der atmosphärischen und psychologischen Verdichtung, nicht der naturalistischen Modellierung. Die Figur löst sich partiell in den Hintergrund auf, wodurch eine Spannung zwischen körperlicher Präsenz und existentieller Fragilität entsteht.
Stilistisch lässt sich das Werk der reifen expressionistischen Phase Joachim Weingarts zuordnen, wie sie für seine Figurenmalerei der späten 1920er bis 1930er Jahre charakteristisch ist. Typisch sind dabei die Reduktion individueller Identität zugunsten existentieller Zustände, die Vermeidung erzählerischer oder folkloristischer Elemente sowie die zentrale Bedeutung der Hände als Ausdrucksträger von Arbeit, Last und innerer Sammlung. Entstanden ist das Werk zwischen 1925 und 1934.