Rahel Szalit-Marcus (1888–1942) war eine der prägendsten jüdischen Künstlerinnen und Illustratorinnen der Weimarer Republik. Als zentrale Figur der Berliner Avantgarde und Mitglied der renommierten Novembergruppe schuf sie ein eindrucksvolles Werk, das die Brücke zwischen osteuropäischer jiddischer Tradition und modernem Expressionismus schlug. Ihr Leben, das sie von den litauischen Schtetl über die Künstlercafés Berlins bis ins Pariser Exil führte, endete tragisch durch die Verfolgung des NS-Regimes in Auschwitz. Lange Zeit fast vergessen, wird ihr Werk heute als bedeutendes Zeugnis jüdischer Identität und weiblicher Selbstbehauptung in der Klassischen Moderne wiederentdeckt.
Herkunft und frühe Ausbildung (1888–1911)
Rahel Szalit-Marcus wurde am 15. Juli 1888 in Telšiai (Litauen, damals Russisches Kaiserreich) als Rahel Markus geboren. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie primär in Łódź, einem bedeutenden Zentrum der jüdischen Aufklärung und Industrialisierung. In diesem multilingualen Umfeld erlernte sie Jiddisch, Polnisch, Deutsch und Französisch. Erste künstlerische Impulse erhielt sie durch ihren Vater, einen Bürstenmacher, der ihr Talent früh erkannte.
Wanderjahre und Berliner Avantgarde (1911–1933)
Ab 1911 studierte sie in München, einem Epizentrum der europäischen Moderne, wo sie Kontakt zu Künstlern wie Henri Epstein knüpfte. Nach Aufenthalten in London und Paris sowie einer kriegsbedingten Zeit in Wien (1914–1916) ließ sie sich in Berlin nieder. 1915 heiratete sie den Schauspieler Julius Szalit. Die Ehe war von Instabilität geprägt, denn es gab zahlreiche außereheliche Affairen. Nach Trennung und dem Suizid ihres Mannes im Jahr 1919, im Alter von nur 27 Jahren, behielt sie den Namen Szalit bei. In den 1920er Jahren avancierte sie zu einer zentralen Figur der Berliner Kunstszene. Sie war Mitglied der Novembergruppe und der Berliner Secession. Als Stammgast im Romanischen Café verkehrte sie in Kreisen jüdischer Intellektueller und Literaten. Bekanntheit erlangte sie primär durch ihre einfühlsamen Illustrationen zur jiddischen Weltliteratur (u. a. Scholem Alejchem, Mendele Moicher Sforim) sowie zu Werken von Heine, Dostojewski und Dickens. Kritiker feierten sie als „beste moderne Illustratorin jüdischer Literatur“
Exil, Verfolgung und Ermordung (1933–1942)
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 floh Szalit-Marcus nach Paris. Dort schloss sie sich der École de Paris an und widmete sich verstärkt der Ölmalerei, Stillleben und Kinderporträts. Trotz prekärer Lebensumstände als staatenlose Jüdin setzte sie ihre künstlerische Arbeit fort und wurde im Juli 1942 in ihrer Pariser Wohnung verhaftet. Sie wurde zunächst im Durchgangslager Drancy interniert und am 19. August 1942 mit dem Konvoi Nr. 21 nach Auschwitz deportiert, wo sie unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet wurde.
Rezeption und Nachlass
Rahel Szalit-Marcus’ Werk galt lange als verschollen oder zerstört; ihr Pariser Atelier wurde nach ihrer Verhaftung geplündert. Erhalten sind ihre Illustrationen in zahlreichen jiddischen Kinder- und Märchenbüchern. Ihre Arbeit zeichnet sich durch expressionistische und dekorative Elemente aus. Erst in den letzten Jahrzehnten gelang der Forschung, insbesondere durch die US-amerikanische Kunsthistorikerin Kerry Wallach, eine Rekonstruktion ihrer Biographie und ihres fragmentarisch erhaltenen Werks. Heute gilt sie als eine der bedeutendsten jüdischen Künstlerinnen der Weimarer Republik, deren Werk eine Brücke zwischen osteuropäischer jüdischer Folklore und westlichem Expressionismus schlug.
Anmerkungen zu unserem Werk
Das signierte Selbstporträt als Kreidelithographie bietet einen faszinierenden Einblick in die Selbstinszenierung einer der bekanntesten jüdischen Künstlerinnen im Berlin der Weimarer Republik. Veröffentlicht im Februar 1926 in der Zeitschrift Menorah, zeigt es die Künstlerin als „Neue Frau“: mit wachem, leicht melancholischem Blick und jener lebendigen, expressiven Linienführung, die für ihr grafisches Werk so charakteristisch ist. Szalit-Marcus war eine Meisterin der psychologischen Porträtkunst. In diesem Blatt verbindet sie ihre osteuropäischen Wurzeln mit der modernen Formsprache des Berliner Expressionismus. Das Werk zeugt von ihrem Selbstbewusstsein als Frau und Künstlerin in einer Zeit, in der sie sich erfolgreich in den avantgardistischen Kreisen Berlins behauptete. Dass die Lithographie in der Menorah erschien, unterstreicht ihre damalige Bedeutung als wichtige visuelle Chronistin des jüdischen Kulturlebens.