Der Maler und Grafiker Julius Rosenbaum wurde in Westpreußen geboren und war ein deutscher Expressionist, der vor der nationalsozialistischen Verfolgung nach Großbritannien fliehen musste.
Künstlerische Ausbildung
Julius Rosenbaum wurde am 9. Juli 1879 als Sohn des Kaufhausbesitzers Simon Rosenbaum und seiner Ehefrau, eine gebürtige Stein (Vorname unbekannt), in Neuenburg in Westpreußen geboren. Im Jahr 1898 schloss er seine Schulbildung an einem Gymnasium in Breslau ab. Von 1900 bis 1901 war er Student an der Académie Julian, einer privaten Kunsthochschule in Paris. Dort studierte er u. a. bei Henri Matisse. Anschließend setzte er seine Studien an der Münchener Kunstakademie fort. 1905 war er einige Zeit in Italien und kehrte anschließend nach Breslau in Westpreußen zurück. 1910 zog er nach Berlin und studierte bei Lovis Corinth. Kurz darauf gründete er einen Berliner Künstlerbund, mit dem Ziel, zur Verbesserung der materiellen und finanziellen Bedingungen des Künstlerstandes beizutragen. Er war Mitinitiator der Juryfreien Ausstellungen.
Erster Weltkrieg und Weimarer Republik
Von 1914 bis 1918 diente er als Unteroffizier im Reserveinfanterieregiment 224, das hauptsächlich in Russland im Einsatz war. Von 1918 bis 1933 war Rosenbaum freiberuflicher Maler und Grafiker in Berlin. 1921 war er Mitbegründer der Berliner Ortsgruppe des Reichsverbands bildender Künstler Deutschlands und Mitglied der Berliner Secession, an deren Ausstellungen er regelmäßig teilnahm. Als Illustrator und Karikaturist, war er Verfasser von Beiträgen für Zeitungen und Zeitschriften des Scherl-Verlags, wie z. B. Der wahre Jacob, Vorwärts, Konfektionär, B.Z. am Mittag oder der Ulk, wo er vor allem gegen die aufkommende Nazidiktatur anschrieb. Mit seinen Beiträgen für die Werkstatt der Kunst setzte er sich in den Elendsjahren nach 1918 für den organisatorischen Zusammenschluss der bildenden Künstler in Deutschland ein, um der Verelendung des Künstlerstandes entgegenzuwirken. 1930 heiratete er die Malerin Adele Reifenberg.
Nationalsozialismus
Nach der Machtübernahme durch die Nazis, am 30. Januar 1933, wurde Rosenbaum aus dem Berliner Künstlerbund ausgeschlossen und erhielt Arbeits- und Ausstellungsverbot. 1933 gründete er mit Unterstützung der Jüdischen Gemeinde die Jüdische Künstlerhilfe in Berlin. Von 1933 bis 1934 absolvierte er eine Umschulung als Berufsschullehrer. Von 1934 bis 1939 bildete er männliche Jugendliche in verschiedenen Handwerksberufen aus, um sie auf ihre bevorstehende Emigration nach Israel vorzubereiten. Außerdem organisierte er Künstlertreffs zur Vorbereitung auf deren Emigration. Bis 1938 war Rosenbaum regelmäßig zum Malen in Malcesine am Gardasee.
Emigration nach Großbritannien
1939 emigrierten Julius und Adele Rosenbaum mit einem Transitvisum, das ein halbes Jahr Gültigkeit hatte, nach London. Ihre ursprünglichen Pläne, in die USA auszuwandern, wurden durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verhindert. Somit war Rosenbaum 1939 ohne Arbeitserlaubnis in London. Er wurde nach Kriegsbeginn auf der Isle of Man als "Feindlicher Ausländer" interniert und nach Gerichtsentscheid vom 20.12.1939 Anfang 1940 wieder freigelassen und als Flüchtling anerkannt - siehe Dokument "Internierung GB". Anschließend arbeitete er als Mechaniker, Handwerker und als Fabrikarbeiter hauptsächlich für die Kriegsindustrie. Nach einer Krankheit in 1941 restaurierte er in Heimarbeit Gegenstände aus Porzellan und Elfenbein für Kunsthändler. Ab 1941 beteiligte er sich mit seiner Frau an Ausstellungen der Ben Uri Art Gallery in London und wurde Mitglied der Ben Uri Art Society. Dort hatte er auch seine erste Einzelausstellung. Ab 1942 gab er privaten Kunstunterricht. 1948 war er mit seiner Frau Mitbegründer einer Privatschule in London, die unter dem Namen The Belsize Group firmierte. 1953 und 1956 besuchte er wiederholt Freunde in Frankreich und den Niederlanden. Auf einer dieser Reisen verstarb Julius Rosenbaum am 24. August 1956 in Den Haag. Im Frühjahr 1957 widmete ihm die Ben Uri Art Gallery in London eine Gedächtnisausstellung - siehe Dokument.
Zu unserem Werk "Gasometer in Schöneberg"
Das Werk in unserer Sammlung wurde von einem ehemaligen deutschen Botschafter in Afrika direkt bei Rosenbaums Witwe Adele Reifenberg in London erworben und war Jahrzehnte in dessen Besitz. 2019 wurde es zusammen mit Rosenbaums Werk "Schlesischer Bahnhof" von 1922 bei einem Auktionshaus in Berlin angeboten. Der "Schlesische Bahnhof" ging an das Jüdische Museum in Berlin. Für das Museum war dieses Bild ein wichtiges Zeitdokument, denn der Schlesische Bahnhof war der Ostbahnhof, in dem zwischen 1880 und 1920 Zehntausende Juden ankamen, die vor Pogromen aus Osteuropa geflohen sind.
Auch unser Werk ist weit mehr als eine bloße Stadtaufnahme. Entstanden im Schicksalsjahr 1932, fängt es die angespannte Atmosphäre Berlins unmittelbar vor dem Ende der Weimarer Republik ein. Der Blick aus der Torgauer Straße wird von der monumentalen Masse des Schöneberger Gasometers dominiert. Wie eine undurchdringliche Wand riegelt der Industriebau den Horizont ab. Während im Vordergrund das alltägliche Leben mit Radfahrern und Passanten seinen gewohnten Gang geht, schiebt sich das Monumentale unaufhaltsam in das Blickfeld des Betrachters.
Besonders beklemmend wirkt die farbliche Gestaltung. Der Gasometer ist in einem schweren, düsteren Braun gehalten. In der Rückschau auf das Jahr 1932 liest sich diese Farbwahl als prophetische Metapher: Die „braune Gefahr“ des Nationalsozialismus ist hier bereits zur alles beherrschenden Realität geworden, die den Lebensraum der Menschen überschattet und jeden Fluchtweg zu versperren scheint. Das Bild ist ein stilles, aber gewaltiges Mahnmal. Es zeigt den Moment, in dem die Bedrohung bereits den gesamten Hintergrund eingenommen hat, während die Zivilgesellschaft im Vordergrund noch versucht, ihre Normalität zu wahren. Ein Schlüsselwerk der „Verschollenen Generation“, das die Vorahnung einer dunklen Epoche meisterhaft in Öl festhält.
Wissenschaftliche Dokumentation
Diese Biografie basiert auf unseren Original-Recherchen zur „Verlorenen Generation“. Um die kunsthistorische Aufarbeitung zu fördern, haben wir diesen Artikel auch der Wikipedia-Gemeinschaft zur Verfügung gestellt.
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