Thomas Ring

*1892 Nürnberg
†1983 Schärding / Österreich
Thomas Ring

Herakles

Biographie


Kindheit und Jugend

Thomas Ring wurde als einziges Kind des Ingenieurs Nikodemus A. K. Ring (1867–1948) und der Margarete Ring, geb. Heinlein (1868–1947) in Nürnberg geboren. Die Tätigkeit seines Vaters führte dazu, dass er seine frühe Kindheit an zahlreichen Orten in Mitteleuropa, aber auch Holland, England und Russland erlebte. Ab 1905 in Berlin niedergelassen, konnte er dort eine „Höhere Knabenschule“ besuchen, jedoch ohne Abiturabschluss. Dem Wunsch seines Vaters nach einer Ingenieursausbildung setzte er seine künstlerischen Neigungen entgegen: dies führte zunächst zu einem Kompromiss, einer Chemigraphen-Lehre (von 1908 bis 1911). Nachdem er bereits während zweier Jahre Abendkurse besucht hatte, wurde er 1911 Vollschüler an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin, ab April 1913 in der Graphikerklasse von Emil Orlik. Er beschäftigte sich intensiv mit dem aufkommenden Expressionismus und der abstrakten Malerei, also etwa den theoretischen Schriften Kandinskys und dem „Blauen Reiter“.

Erster Weltkrieg und Berliner Jahre 1914–1932

Von der allgemeinen Kriegsbegeisterung angesteckt, meldete er sich Anfang August 1914 freiwillig zum Kriegsdienst. Ende Oktober wurde er durch einen Schuss schwer verwundet; das Geschoss konnte ihm erst nach einem halben Jahr in der Berliner Universitätsklinik aus dem Fußgelenk entfernt werden. Nach der Begegnung mit Herwarth Walden, dem Herausgeber des Sturm, dankte er diesem dafür, dass er ihm erst die Augen für die Kunst geöffnet und Freude am eigenen künstlerischen Gestalten vermittelt hätte. Zunächst schuf er jetzt Gedichte (im Sturm veröffentlicht), bevor er sich im Juli 1916 wieder in den Krieg begab, wo er dann im November 1917 (bei der Schlacht um Cambrai) in britische Gefangenschaft geriet, nur knapp einer Hinrichtung wegen Meuterei entging und zwei Jahre interniert blieb. Dort, im Lager von Oswestry, überwand er die Internierungs-Apathie durch ein Ringen um seinen persönlichen gestaltenden Ausdruck, das ihn zu seinen „kristallinen Zeichnungen“ führte.

Nach Berlin zurückgekehrt, lernte er in der Sturm-Buchhandlung deren Leiterin Gertrud Schröder (1897–1945) kennen; sie heirateten im November 1920 und wurden Eltern zweier Söhne. Ihre gemeinsamen Interessen verfolgten sie unter anderem als Schüler von Gertrud Grunow.

Nachdem er der Astrologie zunächst als „ungläubiger Thomas“ gegenüberstand – zwar interessiert (er las z. B. Paracelsus und Kepler), aber skeptisch –, fand er darin eine Art Gerüst für ein neu zu formulierendes Menschen- und Weltverständnis. Er widmete sich fortan seinem Hauptanliegen: einer „Metamorphose“ der überlieferten Astrologie zu einer den Menschen in seiner Ganzheit umfassenden „organischen“ Wissenschaft – er selbst nannte sie „Revidierte Astrologie“ – durch Konfrontation und Synopse mit den Resultaten der akademischen Wissenschaften, der neueren tiefenpsychologischen und philosophischen Richtungen sowie der Künste. Dafür hörte er nebst intensiver Lektüre – bedeutsam für die Entwicklung seiner Anschauungen waren etwa R. H. Francé und Hans Kayser – in Berlin auch Vorlesungen bedeutender Dozenten, darunter Albert Einstein und Nicolai Hartmann. Einen ähnlichen Ansatz verfolgte etwa gleichzeitig der Schweizer Alfred Fankhauser, der ebenfalls in Schriften und Kursen eine neu verstandene Astrologie vermittelte, allerdings mit einem mehr psychologischen Akzent.

Emigration aus Deutschland

Als „entarteter Künstler“ und KPD-Mitglied (seit 1927) emigrierte er mit seiner Familie Ende 1932 nach Österreich, wo er sich noch stärker der Astrologie widmete und wo er und seine Frau den Lebensunterhalt mit astrologischen Beratungen verdienten. Mit dem „Anschluss“ Österreichs 1938 wurde seine Lebenssituation ungemütlich: das Deutsche Reich hatte ihm nämlich (um 1935) die Passverlängerung verweigert, sein lebenslanger Freund Hans Bender notierte dazu, Ring wäre erst nach dem „Anschluss“ staatenlos geworden. Auch ohne deutschen Pass wie Staatenlosen-Pass konnte der Künstler 1937 anscheinend nach Leipzig oder Oslo reisen. Ring wurde nach einer Hausdurchsuchung Mitte Juni 1938 zur Gestapo in Graz vorgeladen, konnte jedoch ungeachtet dessen Ende Juni 1938 der Reichsschrifttumskammer (Berlin) wie „Reichskammer der Bildenden Künste“ (Wien) beitreten – Bender formulierte im Nachruf auf seinen Freund wiederum, dieser wäre nach dem „Anschluss“ aus der Kunst- und Schrifttumskammer ausgeschlossen worden. Ring wurde sonst in Ruhe gelassen und konnte weiter publizieren, wurde dann allerdings Ende Juni 1942 aus der Reichsschrifttumskammer, im April 1943 schließlich auch aus der Reichskammer der Bildenden Künste ausgeschlossen. Im Frühjahr 1943 sollte er aus Graz nach Norwegen „für Aufgaben der Reichsverteidigung“ zur Polizei verpflichtet werden, aber dank der Initiative Hans Benders wurde er zum Direktor des Paracelsus-Instituts in Straßburg ernannt, wo er im Mai eintraf, wenngleich Bender für Rings Wechsel nach Straßburg den April 1942 angibt. In Neuwiller-lès-Saverne, knapp 40 km nordwestlich von Straßburg in den Vogesen gelegen, mietete der Mäzen des Paracelsus-Instituts, Friedrich Spieser, nach kurzer Zeit ein Haus für Ring, während Spieser auf der nahe gelegenen, zum Ort gehörenden Hüneburg wohnte. Ring und seine Frau Gertrud wurden Ende 1944 von den Alliierten aufgegriffen und interniert; Gertrud Ring verstarb am 15. Februar 1945 im Lager von Saint-Sulpice-la-Pointe, geschwächt aufgrund der Mangelernährung, an einer schweren Infektion.

Nachkriegszeit

Im Frühling 1946 erst gelangte er nach seiner Flucht aus dem Lager wieder zurück in sein Grazer Heim. Seine beiden Söhne hatten überlebt. Nach der Heirat mit der Künstlerin Irmtraut Bilger (1910–1999) wurde er nochmals Vater eines Sohnes und einer Tochter. 1949 erhielt er die österreichische Staatsbürgerschaft. Im August 1952 übersiedelte die Familie Ring ins „Luchle“ bei Wittenschwand im Südschwarzwald, einem seinem Freund Hans Bender gehörendes Bauernhäuschen. In den 50er-Jahren arbeitet er hauptsächlich an seinem astrologischen Lehrwerk, der Astrologischen Menschenkunde. Erst nach 1960 konnte er die Vernichtung fast all seiner früheren Bilder und Zeichnungen überwinden und sein bildnerisches Spätwerk beginnen. Erlebnisse aus seiner Kindheit und der Kriegsgefangenschaft gestaltete er in zwei Romanen, die er in seiner Zeitschrift, den Werkstattblättern, als Fortsetzungen veröffentlichte. Seine astrologische Beratungstätigkeit ist in rund 700 Typoskripten mit Horoskopdeutungen dokumentiert.

Im Jahr 1962 zog er ein letztes Mal um: in eine Wohnung in der Burganlage Stettenfels bei Heilbronn. Die Burganlage hatte Rings Freund Friedrich Spieser, den Ring bereits seit ihrer gemeinsamen Straßburger Zeit am Paraclesus-Institut gut kannte, wenige Jahre zuvor erworben. Dort lebte er zurückgezogen, ganz seiner astrologischen Arbeit zugewandt. 1983 verstarb Thomas Ring (unerwartet) an den Folgen einer Blinddarmentzündung. Sein Grab ist auf dem evangelischen Stadtfriedhof St. Peter in Graz zu finden. Sein Nachlass befindet sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

Zu unserem Werk "Herakles und der nemeische Löwe"

Mit dem monumentalen Meisterwerk „Herakles und der nemeische Löwe“ aus dem Jahr 1968 gelingt Thomas Ring eine fulminante Synthese aus seiner avantgardistischen Vergangenheit im Berliner Sturm-Kreis und seiner reifen, astrologisch-kosmischen Philosophie. Das monumentale Format von 140 x 100 cm wird zur Arena eines heroischen Ur-Konflikts der griechischen Mythologie, den Ring in eine universelle, rhythmische Ordnung überführt.

Die Komposition bricht den brutalen Nahkampf zwischen dem antiken Helden und der unsterblichen Bestie in eine hochkomplexe, kubofuturistische Flächentektonik auf. Auf der rechten Bildseite manifestiert sich der nemeische Löwe: Sein Kopf ist zu einem machtvollen Kreissegment abstrahiert, dessen raubtierhafte Urgewalt durch die markanten, kronenartigen Zacken der Mähne optisch gesteigert wird. Im Zentrum des Geschehens dominiert eine mächtige, vertikale Achse – der stählerne, hell schattierte Arm des Herakles, der den Hals des Tieres im unerbittlichen Würgegriff umschlingt. Die linke Bildhälfte fängt in dynamisch ineinander verschachtelten, elliptischen Schwüngen den muskulösen Körper des Helden auf, der mit der Bestie zu einer untrennbaren, plastischen Einheit verschmilzt.

Rings tiefe Verbundenheit zur Astrologie wird in der meisterhaften Licht- und Farbregie spürbar. Es ist kein realistischer Kampf im staubigen Hain von Nemea, sondern ein kosmisches Ereignis. Die warmen, erdigen Ocker-, Siena- und Terrakottatöne der Körper und der Löwenmähne werden von einem tiefen, kühlen Azurblau durchschnitten. Lichtbahnen legen sich wie planetarische Bahnen über die Szenerie und erzeugen eine feine Transparenz (Lasuren), die dem monumentalen Werk trotz seiner Wucht eine beinahe schwebende, spirituelle Leichtigkeit verleiht.

Thomas Ring verzichtet auf jede statische Festlegung. Die Konturen vibrieren; Profile und Gliedmaßen tauchen in den facettierten Farbflächen auf, um sich im nächsten Moment im ornamentalen Rhythmus des Hintergrunds wieder aufzulösen. Das Bild fängt nicht den statischen Moment des Sieges ein, sondern die pure, fließende Energie des Ringens selbst. Es ist die visuelle Übersetzung von Urkraft in kosmische Harmonie.

Thomas Ring
Thomas Ring