Lili Réthi war wohl die erste Frau überhaupt, die in ein Kohlebergwerk einfuhr. Für Frauen war die Arbeit unter Tage damals in fast allen europäischen Ländern gesetzlich verboten. Als Junge verkleidet fuhr sie 1921 für mehrere Tage in Dortmund in das Bergwerk "Rote Erde" ein, um den harten Alltag der Kumpel vor Ort auf Papier festzuhalten. Das Ergebnis war eine Serie aus sieben Lithographien, die sie 1926 in einer Mappe unter dem Titel "Germinal", benannt nach einem Roman von Émile Zola, auf den Markt brachte. Diese Mappe war damals eine absolute Sensation. Später bereiste Lili Réthi mit Helm und Skizzenblock die größten Baustellen Europas und der USA.
Lilly Maria Réthi wurde am 19. November 1894 in Wien in eine bürgerliche, kunstsinnige Familie geboren. Ihr Vater, Leopold Réthi (geboren als Leopold Rosental), war ein angesehener Professor für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und Dozent an der Wiener Musikakademie. Im Jahr 1899 trat er aus der Israelitischen Kultusgemeinde aus und änderte den Familiennamen offiziell in das ungarisch klingende Réthi. Ihre Mutter war Marie Réthi, geborene Mauthner. Da Frauen der offizielle Zugang zu den traditionellen Kunstakademien noch verwehrt war, absolvierte Lili ihre Ausbildung an der Kunsthochschule für Frauen und Mädchen sowie an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien.
Ihr Vater unterstützte ihr Talent maßgeblich: Dank seiner medizinischen Kontakte erhielt sie eine Sondergenehmigung für das Wiener Anatomische Institut, um die Anatomie des menschlichen Körpers präzise studieren zu können – ein Wissen, das sie später beim Zeichnen von hart arbeitenden Menschen meisterhaft einsetzte. Geprägt von der Aufbruchstimmung des „Roten Wiens“ feierte sie schon in ihren Zwanzigern erste Erfolge als Illustratorin und begann, den gewaltigen Wandel der modernen Arbeitswelt künstlerisch festzuhalten. Sie reiste quer durch Europa, um in Kohlebergwerken, Hochöfen und Werften die monumentale Schönheit der Technik und den Alltag der Arbeiterklasse in kraftvollen Lithografien zu dokumentieren.
Im Jahr 1929 verlagerte Lili Réthi ihren Lebensmittelpunkt nach Berlin, um sich in der pulsierenden deutschen Metropole neuen industriellen Großprojekten zu widmen. Bis dahin hatte sie in Wien unter anderem für die sozialdemokratische „Arbeiter-Zeitung“ gezeichnet. In den 1930er Jahren holte die politische Realität die Künstlerin jedoch ein: Nach dem Verbot der Arbeiterbewegung in ihrer Heimat Österreich (1934) und der Festigung der NS-Diktatur in Deutschland wurde sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft und ihrer sozialistischen Gesinnung zunehmend zur Zielscheibe der Nationalsozialisten. Mitte 1936 geriet sie allerdings in eine gefährliche Zwickmühle: Ihre kraftvollen, heroischen Darstellungen von Arbeitern und Maschinen gefielen den Machthabern so gut, dass Hermann Göring ihr persönlich einen Großauftrag anbot. Sie sollte monumentale Propagandabilder und Plakate erstellen, die den Geist der nationalsozialistischen Arbeitswelt und die deutsche Rüstungsindustrie künstlerisch verherrlichen.
Lili Réthi lehnte den Auftrag zunächst nicht ab, sondern erfand eine berufliche Ausrede: Sie erklärte Göring und seinen Abgesandten, dass sie vertraglich noch an ein anderes Großprojekt gebunden sei und zuerst die Zeichnungen einer großen Brücke in Dänemark fertigstellen müsse - gemeint war die berühmte Storstrømsbroen, die damals längste Brücke Europas. Erst danach könne sie für das Reich tätig werden. Göring schöpfte keinen Verdacht und gab ihr die offizielle Erlaubnis, das Land für diesen angeblichen Auftrag zu verlassen. Sie packte daraufhin ihre Koffer und flüchtete Mitte 1936 zunächst nach Großbritannien. Da die Brücke in Dänemark von einer britischen Firma gebaut wurde, war diese Reise plausibel. In Großbritannien war Lili Réthi fast drei Jahre tätig und hat unter anderem Plakate für die Britische Postbehörde entworfen - siehe Foto rechts - bevor sie schließlich in die USA auswanderte.
Lili Réthi war Mitte der 1930er Jahre keine unbekannte, mittellose Flüchtlingsfrau. Sie war eine europaweit anerkannte Kapazität für Industriemalerei, deren Zeichnungen regelmäßig in dänischen, schwedischen und britischen Fachmagazinen abgedruckt wurden. Als sie den Entschluss fasste, Deutschland zu verlassen, aktivierte sie ihre geschäftlichen Kontakte nach London. Große britische Medienhäuser wie die renommierte Wochenzeitung „The Illustrated London News“ kannten ihre Arbeit und sicherten ihr Aufträge zu, was für die britischen Behörden ein entscheidender Grund war, ihr eine Einreise- und Arbeitserlaubnis zu erteilen.
Im März 1939 reiste Lili Réthi auf der „Queen Mary“ von Southampton nach New York. Sie erreichte New York nicht mittellos, sondern hatte einen exklusiven Auftrag von „The Illustrated London News“ in der Tasche: Sie sollte die New Yorker Weltausstellung dokumentieren. Am 23. März kam Lili Réthi in New York an und beantragte noch am gleichen Tag die amerikanische Staatsbürgerschaft. Im Gegensatz zu vielen anderen Exilkünstlern, die in der Isolation der Fremde scheiterten, gelang ihr anschließend ein bemerkenswerter beruflicher Neuanfang.
Die USA erlebten in der Nachkriegszeit einen beispiellosen Wirtschafts- und Bauboom. Die gigantischen Wolkenkratzer, Brücken und Tunnel faszinierten Réthi zutiefst. Sie erarbeitete sich schnell einen herausragenden Ruf und etablierte sich als eine der gefragtesten Zeichnerinnen im amerikanischen Ingenieur- und Bauwesen. Mit Helm und Skizzenblock kletterte sie mutig auf die höchsten Gerüste, um die Entstehung von Jahrhundertbauwerken zu dokumentieren. Sie wurde amerikanische Staatsbürgerin und schuf im Auftrag von Regierung und Industrie Meilensteine der Industriekunst.
Zu ihren berühmtesten amerikanischen Arbeiten gehört die lückenlose zeichnerische Dokumentation der Verrazzano-Narrows-Brücke in New York, der damals längsten Hängebrücke der Welt - siehe Foto rechts. Selbst die US-Regierung unter Präsident Truman vertraute ihr: 1950 wurde Réthi offiziell beauftragt, die historische Renovierung der Innenräume des Weißen Hauses in Washington zeichnerisch festzuhalten. Ihre enorme Schaffenskraft blieb bis ins hohe Alter ungebrochen. Sie war bis zu ihren letzten Lebenswochen künstlerisch tätig und dokumentierte im Spätsommer und Herbst 1969, also kurz vor ihrem Tod im November 1969, noch die ersten Baustufen des neuen World Trade Centers, dem nach Fertigstellung höchsten Gebäude der Erde - siehe Foto rechts.
Unsere Sammlung umfasst wichtige Arbeiten aus Lili Réthis früher europäischer Schaffensphase. Dazu gehört ein Exemplar der seltenen „Germinal“-Mappe. Von dieser Serie aus sieben Lithografien und dem dazugehörigen Deckblatt wurden im Jahr 1926 vom Münsterverlag in Wien vermutlich nur rund 200 Exemplare gedruckt, die sämtlich handsigniert sind. Des Weiteren konnten wir vier Originalillustrationen erwerben, die Lili Réthi für den humoristischen Reiseroman „Auch Einer“ des deutschen Schriftstellers Friedrich Theodor Vischer anfertigte. Ein weiterer Bestandteil der Sammlung ist zudem die handsignierte Originallithografie „Kesselschmiede“ aus dem Jahr 1921, herausgegeben von der Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst in Wien für ihre rund 300 Miglieder. Diese Exponate bieten einen repräsentativen Einblick in das frühe Schaffen der Künstlerin.
Ihr Nachlass, der heute in renommierten Institutionen wie der Smithsonian Institution oder der National Gallery of Art in Washington aufbewahrt wird, ist weit mehr als reine Industriearchitektur. Ihre Werke sind ein bleibendes Mahnmal für die ungeheure Kraft des menschlichen Geistes, der sich im Exil nicht brechen ließ, sondern eine völlig neue Welt mitgestaltete. Ihre Originalzeichnungen und Grafiken befinden sich unter anderem in folgenden Museen: