Josef Kowner

*1895 Kiew
†1967 Kalmar

Josef Kowner

Kleinstadtszene

Biographie


Josef Kowner wurde am 1. Dezember 1895 in Kiew, im damaligen Russischen Kaiserreich, geboren. Sein Vater Szebsel (1869 - 1936) war Gymnasiallehrer. Seine Mutter hieß Zlata Szewelew (1875 - 1940). Josef war das dritte von insgesamt sieben Kindern. Von seinen Geschwistern hat nur seine älteste Schwester Tanja den Holocaust überlebt. 1897 zog die Familie in die polnische Stadt Łódź, in der Josef Kowner aufgewachsen ist. Seine künstlerische Laufbahn begann in den pulsierenden Kunstzentren Europas, wurde jedoch jäh durch den Holocaust unterbrochen. Als einer der wenigen Künstler, die die Gräueltaten überlebten, emigrierte er 1946 nach Schweden, wo er sein Schaffen fortsetzte und ein bedeutendes Werk hinterließ, das heute in Museen wie dem Moderna Museet in Stockholm und dem Museum in Łódź zu finden ist.

Künstlerische Entwicklung

Kowners künstlerische Ausbildung begann 1912 in Kiew und setzte sich 1917 an der Kunstakademie in Düsseldorf fort. Während eines längeren Aufenthalts in Paris verfeinerte er seine Fähigkeiten weiter. Kowner kehrte 1919 nach Łódź zurück, wo er sich schnell in der lokalen Kunstszene etablierte. Er war ein aktives Mitglied der Künstlergruppe "Start" und engagierte sich im Redaktionsbeirat der Kunstzeitschrift "Forma".

Josef Kowners Talent wurde durch zahlreiche Ausstellungen in Polen anerkannt, beginnend mit einer ersten Präsentation in der Städtischen Galerie in Łódź im Jahr 1928, gefolgt von weiteren Ausstellungen in den 1930er Jahren in Lemberg, Krakau und Warschau. In dieser Zeit schuf er Werke, die von figürlichen Kompositionen und Landschaften bis hin zu Stillleben reichten, oft inspiriert von den Innenhöfen und der Architektur Łódźs.

Verfolgung und Verhaftung

Mit dem Überfall Deutschlands auf Polen im September 1939 änderte sich Kowners Leben dramatisch. Als Jude musste er in das neu errichtete Ghetto Litzmannstadt (vormals Łódź) umsiedeln. Trotz der entmenschlichenden Bedingungen im Ghetto versuchte Kowner, seine künstlerische Tätigkeit fortzusetzen. Er malte Szenen aus dem Alltagsleben (Straßen, Arbeiter, elende Zustände) in lebhaften Farben. Kowner gehörte zu einer kleinen Gruppe von Künstlern, die vom Vorsitzenden des Judenrats, Chaim Rumkowski (1877 - 1944, KZ Auschwitz), finanziell unterstützt wurden, im Gegenzug für die Erstellung von Entwürfen für die Teppichwerkstatt des Ghettos. Seine Wohnung wurde zu einem kulturellen Treffpunkt. Dort fanden heimliche Konzerte statt, und er organisierte Ausstellungen seiner Werke.

Im August 1944 wurde das Ghetto liquidiert. Kowner wurde in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert und von dort nach Deutschland in das Lager Wöbbelin, ein Außenlager des KZ Neuengamme, überstellt. Dort war er bei seiner Ankunft bereits körperlich stark geschwächt und die Bedingungen im Lager waren extrem hart. Im Mai 1945 wurde er von US-Truppen befreit und überlebte die Strapazen der Lager.

Als das Ghetto aufgelöst wurde, versteckte Kowner viele seiner Werke, um sie vor Vernichtung zu schützen. Ein glücklicher Umstand war, dass sein Freund Nachman Zonabend (1918 - 2006), der bei der Liquidierung des Ghettos zum Aufräumkommando gehörte, die im Ghetto versteckten Kunstwerke nach dem Krieg bergen und sie dem Künstler später zurückgeben konnte. Diese Werke aus der Schoa-Zeit sind heute von unschätzbarem Wert als Zeugnisse des Lebens und Überlebens unter extremen Bedingungen.

Neuanfang in Schweden und künstlerisches Spätwerk

Nach seiner Befreiung emigrierte Josef Kowner, krank und gezeichnet von den Jahren in den KZs nach Schweden. Er ließ sich in der Stadt Kalmar nieder, wo er sich erholte und seine künstlerische Arbeit wieder aufnahm. 1952 erhielt er die schwedische Staatsbürgerschaft. In Schweden fand er eine neue Heimat und wurde später auch als Kunstlehrer tätig.

Sein Spätwerk umfasste weiterhin Porträts, Landschaften, Hafenansichten, Stillleben und symbolistische Kompositionen, ausgeführt in Öl und Aquarell. Er stellte seine Werke in verschiedenen schwedischen Städten, darunter Kalmar, Oskarshamn und Stockholm, aus.

Josef Kowner starb am 8. Mai 1967 in Kalmar. Sein Vermächtnis als Künstler, der die Schrecken des Holocaust überlebte und seine Erfahrungen in seiner Kunst verarbeitete, bleibt bestehen. Seine Werke sind nicht nur ästhetisch ansprechend, sondern auch wichtige historische Dokumente, die an die Widerstandskraft des menschlichen Geistes erinnern.

Stilistische Einordnung unseres Werkes

Das auf 1946 datierte Gemälde zeigt eine winterliche Kleinstadtszene mit schmaler, von dicht stehenden Häusern gesäumter Straße. Architektur, Proportionen und Raumorganisation verweisen auf osteuropäische Stadtlandschaften der Zwischenkriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit und lassen eine Darstellung von Łódź plausibel erscheinen. Der genaue Entstehungsort des Werkes ist nicht eindeutig belegt; ob es noch vor Kowners Abreise oder erst im Exil entstand, lässt sich derzeit nicht abschließend klären. Wenn Kowner das Werk vor seiner Abreise nach Schweden gemalt hat, hat er es vermutlich als Erinnerung an seine alte Heimat mitgenommen. Dafür spricht auch, dass es 2023 in Kalmar versteigert wurde.

Die Komposition ist frontal und geschlossen angelegt. Blockhafte Baukörper bestimmen den Bildraum, der Himmel bleibt auf einen schmalen Streifen reduziert. Die Perspektive ist bewusst vereinfacht; räumliche Tiefe entsteht vor allem durch Farbmodulation und Staffelung. Die pastose Malweise mit deutlich sichtbarem Pinselstrich verleiht der Oberfläche eine ausgeprägte Materialität und unterstreicht den subjektiven Charakter der Darstellung.

Die gedämpfte Farbpalette aus Grau-, Ocker- und Brauntönen sowie die Abwesenheit menschlicher Figuren erzeugen eine stille, konzentrierte Atmosphäre. Die winterliche Szenerie verstärkt den Eindruck von Stillstand und existenzieller Leere. Kowners Bildsprache bewegt sich zwischen einem verinnerlichten Expressionismus und einer zurückhaltenden Nachkriegsmalerei, die an der Gegenständlichkeit festhält, ohne illusionistisch zu sein. Das Werk steht exemplarisch für Kowners Auseinandersetzung mit Ort, Erfahrung und Verunsicherung im unmittelbaren Umfeld der Nachkriegszeit.

Josef Kowner

Josef Kowner um 1930

Josef Kowner

Josef Kowner 1965