Leo Kahn – Maler der Verschollenen Generation

*1894 Bruchsal
†1983 Zfat / Israel


Ölgemälde von Leo Kahn - Dame mit schwarzem Hut Dame mit schwarzem Hut
Radierung von Leo Kahn - Das Versteck am Hügel Das Versteck am Bach

Biographie


Das Werk von Leo Kahn ist exemplarisch für die Künstlerbiografien der „Verschollenen Generation“. In Baden geboren und an der Karlsruher Akademie ausgebildet, markieren seine Arbeiten der 1920er Jahre eine Position im Spannungsfeld zwischen Expressionismus und expressivem Realismus. Seine künstlerische Entwicklung wurde durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten und die damit verbundene rassische Verfolgung gewaltsam unterbrochen.

Ausbildung und frühes Schaffen im süddeutschen Raum

Leo Kahn wurde am 5. August 1894 in Bruchsal in eine religiöse Kaufmannsfamilie geboren, erhielt aber eine weltliche Ausbildung und machte 1911 sein Abitur. Unmittelbar nach dem Schulabschluss erlernte er das Schreinerhandwerk. Im Anschluss an die Lehre trat er in die Kunstgewerbeschule in Karlsruhe ein. Bei Kriegsbeginn 1914 meldete sich Leo Kahn als Freiwilliger und wurde 1916 in der Schlacht bei Verdun schwer verwundet. Er war ein Jahr in einem Lazarett und erhielt am Ende des Krieges das Eiserne Kreuz Zweiter Klasse. Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg begann Leo Kahn sein Kunststudium als Privatschüler bei Albert Haueisen in Frankfurt am Main. Als Haueisen zum Direktor der Karlsruher Akademie ernannt wurde, folgte Kahn seinem Lehrer und studierte ab 1919/20 an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe. Dort genoss er als herausragender Meisterschüler besondere Privilegien, darunter ein eigenes Atelier und weitgehende künstlerische Handlungsfreiheit. Studienreisen führten ihn nach Berlin, wo er sich mit Max Liebermann anfreundete, sowie nach Holland und Frankreich.

1925 verlegte Kahn seinen Wohnort nach Ulm. Der primäre Anlass dafür war die Hochzeit mit Elisabeth Levy (1894–1983) im Jahr 1919. Elisabeth stammte aus einer alteingesessenen Ulmer jüdischen Familie; ihre Eltern, Ludwig und Sofie Levy, betrieben dort seit 1899 ein bekanntes Hutgeschäft in der Herdbruckerstraße 8. Leo Kahn lebte bis zur Emigration mit seiner Frau und den vier gemeinsamen Kindern über dem Hutgeschäft der Schwiegereltern. Im Dachgeschoss des Hauses in der Herdbruckerstraße richtete er sich sein Atelier ein. Von hier aus entfaltete er eine rege Tätigkeit und nahm am kulturellen Leben der Stadt teil.

Ein bedeutender Meilenstein seines frühen Schaffens war der Auftrag zur künstlerischen Ausgestaltung der Synagoge in Bruchsal. Nachdem die Gemeinde 1926 eine umfassende Renovierung beschlossen hatte, gestaltete Kahn in den folgenden zwei Jahren den gesamten Innenraum neu. Dieses viel beachtete Werk wurde im April 1928 vollendet. Die Zeitschrift "Der Israelit" schrieb am 10. Juni 1928 dazu folgendes:

Bericht zur Synagoge in Bruchsal in der Zeitung Der Israelit Juni 1928

In dieser Phase stellte Kahn überregional aus, unter anderem in Karlsruhe, München, Ulm, Zürich und Paris. Ab 1928 lebte er in Südfrankreich und pflegte dort engen Kontakt zu André Derain, bevor er bis 1934 ein eigenes Atelier in Paris unterhielt. Seine Familie blieb während dieser Zeit in Ulm, so dass die Jahre zwischen 1928 und 1934 für ihn eine Zeit des künstlerischen Pendelns zwischen der familiären Basis in Ulm und der Inspiration in Frankreich waren.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Kahn als „entarteter“ Künstler eingestuft. Seine Werke wurden aus allen öffentlichen Sammlungen in Deutschland entfernt. Galerien durften seine Werke nicht mehr verkaufen. Damit wurde ihm die existenzielle Grundlage als Künstler entzogen. Auch das Hutgeschäft seiner Schwiegereltern in Ulm litt massiv unter den organisierten Boykottmaßnahmen gegen jüdische Betriebe. Im Frühjahr des Jahres 1936 emigrierte Kahn mit seiner Familie nach Palästina. Kurz vor der Abreise (Januar bis März 1936) unterrichtete er noch Zeichnen im Jüdischen Landschulheim Herrlingen bei Ulm. Diese Reformschule war zu einem Zentrum geworden, das jüdische Jugendliche und Lehrkräfte gezielt auf die Emigration vorbereitete.

Der richtige Zeitpunkt, Deutschland zu verlassen

Leo Kahns Entschluss fiel zu einem Zeitpunkt, als eine legale Ausreise mit der Familie noch möglich war, bevor die Repressalien (wie die spätere "Arisierung" von Geschäften oder die vollständige Passsperre) einsetzten. 1936 konnten Emigranten über das sogenannte Ha’avara-Abkommen (Transfer-Abkommen) zumindest einen Teil ihres Vermögens in Form von Warenexporten nach Palästina retten. Später wurde der Vermögensabzug durch die „Reichsfluchtsteuer“ und die Sperrung von Konten nahezu unmöglich gemacht. 1936 besaßen deutsche Juden in der Regel noch reguläre Reisepässe. Die stigmatisierende Kennzeichnung (der rote „J“-Stempel im Pass) sowie die Zwangsvornamen „Sara“ und „Israel“ wurden erst 1938 eingeführt. Für Palästina benötigte man ein Zertifikat der britischen Mandatsmacht. Da Kahn als Fachkraft (Gründung der Textildruckerei) oder durch Kapitalnachweis einreisen konnte, war die Erteilung 1936 noch eher möglich als in den späteren Jahren, in denen die Briten die Einwanderungsquoten drastisch senkten. Ab 1937 wurden die Gesetze in Deutschland so verschärft, dass die Flucht oft nur noch unter Zurücklassung des gesamten Besitzes oder – nach den Pogromen 1938 – als lebensgefährliche Fluchtbewegung möglich war.

Von Ulm aus reiste die Familie vermutlich mit der Bahn Richtung Süden. Der wichtigste Einschiffungshafen für die legale Emigration nach Palästina war in dieser Zeit Triest (Italien). Von dort verkehrten die Dampfschiffe der Reederei Lloyd Triestino, wie die berühmte "Tel Aviv"' oder die "Galilea", die speziell für jüdische Emigranten die Route nach Haifa bedienten. Der Hafen von Haifa war der zentrale Ankunftsort für Einwanderer, die im Rahmen der Fünften Alija (1932–1939) ins Land kamen.

Neustart im Britischen Mandatsgebiet Palästina

Kahn lebte mit seiner Familie zunächst in Ramat Gan. Nach der Einreise war der finanzielle Druck allerdings so groß, dass er seine künstlerische Arbeit zunächst völlig einstellen musste, um durch die Gründung einer Textildruckerei das wirtschaftliche Überleben der sechsköpfigen Familie zu sichern. Kahns neue Firma in einem Stadtteil von Tel Aviv war die erste Textildruckerei des Landes. Doch das Unternehmen scheiterte und Kahn verlor sein ganzes Vermögen. Nach einem Eigentümerwechsel konnte er in der Firma als Angestellter weiterarbeiten. Zum Ende seiner Angestelltentätigkeit siedelte er 1960 in die Künstlerkolonie Safed über, wo er am 27. September 1983 gestorben ist.

Leo Kahns künstlerisches Œuvre, das vor allem Landschaften, Stillleben und Porträts umfasst, zeigt eine tiefe Auseinandersetzung mit der Formsprache von Paul Cézanne. Entgegen gelegentlicher biografischer Irrtümer kehrte Kahn bereits in den 1940er Jahren, parallel zu seiner unternehmerischen Tätigkeit, zur Malerei zurück. Die hohe künstlerische Qualität seiner Werke führte bereits 1950 zu seiner Berufung für die Biennale in Venedig. Von den Werken, die er zu Beginn seiner Karriere (1920er Jahre) in Deutschland gemalt hat, sind nur wenige erhalten, da die meisten während der kulturellen Säuberungen von den Nationalsozialisten zerstört wurden.

Zu unserem Werk "Dame mit schwarzem Hut"

Dieses Gemälde, das wir in einer Galerie in Tel Aviv entdeckt haben, ist Mitte der 1940er Jahre entstanden und zeigt Kahn auf dem Höhepunkt seines malerischen Könnens. 1950 war er der offizielle Vertreter Israels auf der Biennale in Venedig. 1952 wurde er mit dem renommierten Dizengoff-Preis ausgezeichnet. Der Dizengoff-Preis ist die bedeutendste Auszeichnung für bildende Künste in Israel, benannt nach Meir Dizengoff, dem ersten Bürgermeister von Tel Aviv und Gründer des Tel Aviv Museum of Art.

In diesem Porträt, das vermutlich Ende der 1940er Jahre in Israel entstand, manifestiert sich Leo Kahns meisterhafte Auseinandersetzung mit der klassischen Moderne. Fernab der düsteren Graphik seiner frühen Karlsruher Jahre hat Kahn hier zu einer lichten, fast schwebenden Farbigkeit gefunden. Das Werk besticht durch den kühnen Kontrast zwischen dem strahlenden Weiß des Kleides und dem tiefschwarzen, eleganten Hut. Diese formale Strenge wird durch den weichen, pastellfarbenen Hintergrund in Blau- und Violetttönen aufgebrochen. Deutlich erkennbar ist der Einfluss von Paul Cézanne in der modellierenden Pinselführung. Kahn baut die Formen nicht durch harte Konturen, sondern durch feine Farbabstufungen auf, was der Darstellung eine skulpturale Tiefe verleiht. Trotz der schwierigen Jahre des Neuanfangs im Exil strahlt die Dargestellte eine unerschütterliche Würde und Ruhe aus. Sie verkörpert mit ihrer souveränen Eleganz die kulturelle Identität der europäisch geprägten Einwanderergesellschaft im jungen Staat Israel. Das Bild ist mehr als ein Porträt; es ist ein Dokument der Resilienz und der wiedergewonnenen künstlerischen Freiheit Leo Kahns in der neuen Heimat.

Auf der Rückseite des Rahmens ist ein roter Stempel der Kunstsammlung Tzipora Daniel in Holon zu sehen (rechte Spalte). Sowohl der Galerist in Tel Aviv, wie auch wir, konnten nichts zu dieser Sammlung finden. Holon ist der Name einer Stadt südlich von Tel Aviv und Tzipora ist ein Frauenname. Vermutlich handelte es sich um eine Privatsammlung. Wenn jemand hierzu Informationen hat, würden wir uns freuen, wenn man sie uns zukommen ließe.

Museen und Ausstellungen

Zu sehen sind die Werke Leo Kahns in den folgenden Museen:

  • Städtische Galerie Karlsruhe
  • Städtisches Museum Bruchsal
  • Museum Ulm
  • Jüdisches Museum Berlin
  • Stadtmuseum Łódź, Polen
  • Israel-Museum, Jerusalem
  • Tel Aviv Museum of Art
  • Museum der Künstlerkolonie Safed (Zfat)

Ausstellungen und Retrospektiven:

  • 1921: Galerie von Iwan & Friedrich Moos, Karlsruhe
  • 1924: Gesamtausstellung der Künstler in Deutschland, Stuttgart
  • 1933: Salon Thierry, Paris
  • 1934: Galerie Van Laere, Paris
  • 1950: Biennale Venedig (Vertreter Israels im israelischen Pavillon)
  • 1952: Tel Aviv Museum of Art
  • 1954: Ben Uri Gallery, London
  • 1961: Beit Zvi Cultural Center, Ramat Gan / Israel
  • 1962: Comedy Gallery, London
  • 1975: Livak Building Art Gallery, Tel Aviv
  • 1976: Livak Building Art Gallery, Tel Aviv
  • 1981: Museum Ulm (Große Retrospektive)
  • 1982: Galerie Hesler, München
  • 1982: Stern Gallery, Tel Aviv
  • 2001: Museum of the Holocaust, Los Angeles
  • 2008: Rathaus Bruchsal
  • 2020: Städtische Galerie Karlsruhe
Leo Kahn
Leo Kahn 1928
Leo Kahn in der Synagoge in Bruchsal
Synagoge Bruchsal 1928
Robert Guttmann
Rahmenstempel
Tzipora Daniel