Robert Guttmann – Maler der Verschollenen Generation

*1880 Schüttenhofen / Öst.-Ungarn
†1942 Łódź / Polen
Robert Guttmann - Blumenlandschaft auf Skizzenblockpapier

Blumenlandschaft

Biographie


Robert Guttmann war weit mehr als ein Maler – er war ein Prager Original, ein leidenschaftlicher Zionist und ein unermüdlicher Wanderer. Er wanderte zu fast allen Zionistenkongressen zu Fuß quer durch Europa. Bekannt für sein exzentrisches Auftreten mit wallender Mähne, Samtjacke und einer riesigen blauen oder grünen Krawatte, gehörte er in der Zwischenkriegszeit zum festen Stadtbild Prags. Er war damals der am häufigsten fotografierte oder portraitierte Mensch der teschechischen Hauptstadt.

Der Wanderer zwischen den Welten

Robert Guttmann wurde am 20. April 1880 in Sušice (deutsch: Schüttenhofen) im damaligen Österreich-Ungarn (heute Tschechien) geboren. Er war ein Prager Original, das in den feinen Kaffeehäusern verkehrte, aber gleichzeitig als mittelloser Exzentriker am Rande der Gesellschaft lebte.

Robert Guttmann um 1940

Robert Guttmann um 1940 (koloriertes Schwarz-Weiß-Foto)

Robert Guttmann war eins von zwölf Kindern, von denen fünf schon im Kindesalter gestorben sind. Sein Vater Leopold übernahm von seinen Eltern ein Unternehmen für Öl- und Seidenproduktion, das auch Likör herstellte und Wein exportierte. Nach seiner schweren Erkrankung, ging die Firma zu Grunde. Der Vater starb 1898, als Robert 18 Jahre alt war. Seine Mutter Ernestine, geb. Fischer, stammte aus einer mährischen Musikerfamilie.

Schon mit 15 Jahren zog es Guttmann in die tschechische Metropole, wo er sich nach einem kurzen Besuch der Malschule von Alois Kirnig weitgehend autodidaktisch eine ganz eigene, naive Bildsprache aneignete. Mit 16 Jahren las er Theodor Herzls Schrift "Der Judenstaat", was für ihn ein lebensveränderndes Erweckungserlebnis war. Von diesem Moment an verschrieb er sich voll und ganz der Vision einer jüdischen Heimkehr nach Palästina. Zum ersten Zionistenkongress 1897 ging er 14 Wochen lang zu Fuß von Prag nach Basel. Er bestritt seine Reisen, indem er unterwegs handgemalte Postkarten und Karikaturen verkaufte. Bis 1925 besuchte er fast jeden Kongress, unter anderem in London (1900) und Den Haag (1907). Für Guttmann war seine äußere Erscheinung ein politisches Statement. Er inszenierte sich bewusst als lebende Werbefläche für die zionistische Idee, trug stets übergroße zionistische Embleme und gelbe oder blaue Accessoires, die die Farben der Bewegung symbolisierten.

Guttmann lebte am Rande der Armut, bewahrte sich jedoch einen unerschütterlichen Stolz und verkaufte seine Skizzen und Porträts meist direkt an den Tischen der Prager Kaffeehäuser. Trotz seiner Armut sah er sich als "diplomatischer Abgesandter" und hielt Kontakt zu den führenden Köpfen der zionistischen Bewegung, auch wenn viele offizielle Vertreter seinen exzentrischen Auftritt eher mit Skepsis oder Belustigung wahrnahmen.

Eine psychologische Studie über den "genialen Sonderling"

1932 veröffentlichte der Arzt und Sozialmediziner Dr. Arthur Heller aus einem spezifischen wissenschaftlichen und persönlichen Interesse eine psychologische Studie zu Robert Guttmann. Heller war von Guttmanns unerschütterlichem Selbstbewusstsein fasziniert. Während die Prager Öffentlichkeit den Maler oft als "Original" oder gar als Witzfigur wahrnahm, erkannte der Arzt darin ein tiefgreifendes psychologisches Muster. Er wollte verstehen, wie ein Mensch trotz Armut und gesellschaftlicher Außenseiterrolle eine so starke, fast messianische Identität aufrechterhalten konnte.

Heller war sich bewusst, dass Guttmann eine aussterbende Figur des alten, jüdischen Prag war. Er wollte diesen "ewigen Wanderer" und seine Philosophie schriftlich fixieren, bevor er in Vergessenheit geriet. Die Studie war somit auch eine Art Würdigung eines Mannes, der offiziell nie Anerkennung durch Kunstinstitutionen erfahren hatte. Heller schrieb das Buch, um zu beweisen, dass Guttmann kein bloßer "Narr" war, sondern ein psychologisch komplexes Wesen, dessen Leben und Werk eine tiefe, innere Logik besaßen.

Robert Guttmann war mit der Studie nicht nur einverstanden, sondern sah sie als Bestätigung seiner Bedeutung. Er lieferte Heller bereitwillig Informationen über sein Leben und seine Reisen. Für Guttmann war das Buch der lang ersehnte Beweis, dass er kein bloßer "Kaffeehaus-Sonderling" war, sondern ein Objekt wissenschaftlicher und künstlerischer Analyse. Hellers Buch veränderte Guttmanns Status nachhaltig. Es verwandelte ihn von einem belächelten Stadtoriginal in einen anerkannten Vertreter der Naiven Kunst. Ohne diese detaillierte Studie wäre heute vermutlich kaum etwas über seine inneren Beweggründe und die exakten Details seiner zionistischen Wanderungen bekannt. Auch diese seltene Studie konnten wir im Original für unsere Sammlung erstehen (rechte Spalte).

Deportation und Tod

Am 16. Oktober 1941 wurde Robert Guttmann mit dem ersten Massentransport (Transport A, Nr. 554) von Prag in das Ghetto Litzmannstadt (Łódź) deportiert. Für einen Mann, dessen gesamte Identität auf der Freiheit des Wanderns beruhte, waren die plötzliche Internierung und die Enge des Ghettos ein psychischer Todesstoß. Augenzeugen berichteten, dass er selbst im Ghetto noch krampfhaft seine Mappe mit Zeichnungen und Papieren umklammerte, die er schon in Prag stets bei sich getragen hatte. Guttmann, der in Prag für seine Redseligkeit und Lebhaftigkeit bekannt war, wurde im Ghetto apathisch und still. Er starrte oft stundenlang geistesabwesend ins Leere.

Nach nur fünf Monaten starb Robert Guttmann am 14. März 1942 im Ghetto. Als Todesursache wurde, wie sooft, "allgemeine Entkräftung" angegeben. In Wahrheit war es ein langsames Verhungern unter unmenschlichen Bedingungen. Das Ghetto Litzmannstadt war bekannt für seine katastrophalen hygienischen Zustände und den extremen Hunger. Guttmanns Biograph Dr. Arthur Heller wurde ebenfalls wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt und 1944 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Das gleiche Schicksal erlitt der Grafiker Bedřich Fritta, der die Grafik für den Buchdeckel der Studie entworfen hat.

Posthume Würdigung seines Werkes

Heute ist Guttmann einer der wenigen Künstler aus dieser Zeit, dessen Name durch eine eigene Institution präsent bleibt. Die Robert-Guttmann-Galerie im Jüdischen Museum in Prag zeigt nicht nur seine Werke, sondern dokumentiert auch das Schicksal der Prager Juden, die in die Vernichtungslager des Ostens verschleppt wurden. Guttmanns Werk erfuhr erst Jahrzehnte nach seiner Ermordung eine tiefgreifende kunsthistorische Neubewertung. Er wird heute nicht mehr nur als exzentrischer Wanderer, sondern als visionärer Repräsentant der Naiven Kunst wahrgenommen. Sein künstlerisches Erbe bildet ein unverzichtbares visuelles Bindeglied zwischen der Blütezeit der jüdischen Kultur in Prag und deren gewaltsamer Vernichtung. Die 2001 im Jüdischen Museum in Prag eröffnete Robert-Guttmann-Galerie trägt seinem Rang Rechnung und ist heute ein zentraler Ort für die Auseinandersetzung mit verfolgten Künstlern der ‚Verschollenen Generation‘.

Zu unserem Werk "Blumenlandschaft"

Dieses Pastell, das in Rostock wiederentdeckt wurde, ist ein außergewöhnliches Zeugnis für Robert Guttmanns unbändigen Lebenswillen und seine tiefe emotionale Ausdruckskraft. Seine Werke, insbesondere Blumen und Landschaften, waren oft Ausdruck einer tiefen Sehnsucht nach Natur und „unschuldiger“ Schönheit. Das strahlende Weiß der zentralen Blüte wird von einem fast expressionistischen Rausch aus Violett-, Blau- und Gelbtönen umrahmt. Der Farbauftrag ist energisch und impulsiv, was die Unmittelbarkeit des Augenblicks spürbar macht. Guttmann verzichtet auf akademische Detailtreue und setzt stattdessen auf eine naive Meisterschaft, die das Wesen und die Vitalität der Natur direkt einfängt.

Die am oberen rechten Rand deutlich erkennbare Perforation des Papiers lässt keinen Zweifel an der Entstehungsgeschichte. Es handelt sich um ein Werk, das unmittelbar in der Atmosphäre eines Prager Kaffeehauses auf einem Blatt seines Skizzenblocks entstand. Für Guttmann war das Café weit mehr als ein Ort der Muße; es war sein Atelier und sein Lebensraum zugleich. In einer Zeit, in der er kein festes Dach über dem Kopf hatte und kein professionelles Studio besaß, diente ihm der Skizzenblock als mobiles Universum, auf dem er seine farbgewaltigen Visionen festhielt. In der rechten Spalte ist das Ölgemälde "Kohlenmarkt in Prag" zu sehen, als Beispiel für seinen naiven Malstil.

Museen und Ausstellungen

Aufgrund der wenigen erhaltenen Werke sind die Bilder Guttmanns nur in zwei Museen zu sehen:

  • Robert-Guttmann-Galerie im Jüdischen Museum, Prag
  • Jüdisches Museum, Wien

In folgenden Ausstellungen waren Guttmanns Werke bisher zu sehen:

  • 1994 - Ausstellung im Schloss Reichenau an der Knieschna (Tschechien). Gezeigt in der Orlická-Galerie, war dies eine der ersten großen posthumen Präsentationen seines Schaffens nach der Wende.
  • 2001 - Ausstellung im Jüdischen Museum in Prag: "Robert Guttmann – Maler und Reisender aus Prag". Diese große Werkschau eröffnete die nach ihm benannte Robert-Guttmann-Galerie im Jüdischen Museum in Prag.
  • 2019 - Ausstellung im Jüdischen Museum in Prag: "Der Prager Wanderer". Eine umfassende Neuinstallation seiner Bilder und Zeichnungen aus den Beständen des Museums, ergänzt durch zeitgenössische Dokumente und Fotografie.
Robert Guttmann
Robert Guttmann um 1930
Robert Guttmann
Psychologische Studie
von Dr. Arthur Heller
Robert Guttmann
Kohlenmarkt in Prag 1941