Dora Bromberger

*1881 Bremen
†1942 Minsk

dora bromberger

Abschied

Biographie


Dora Bromberger war eine wegweisende Stimme der Bremer Moderne, deren Schaffen den Bogen vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit spannte. Als Mitglied der Bremischen Sezession prägte sie das kulturelle Gesicht ihrer Heimatstadt, bevor sie durch die Nationalsozialisten systematisch ausgegrenzt, verfolgt und schließlich im Ghetto von Minsk ermordet wurde. Heute gilt ihr wiederentdecktes Werk als eines der bedeutendsten Zeugnisse der „Verschollenen Generation“ und als ein bewegendes Dokument künstlerischen Widerstands in Zeiten tiefster Isolation.

Ausbildung und künstlerische Sozialisation (1881–1915)

Dora Bromberger wurde am 11. Oktober 1881 in Bremen in eine assimilierte jüdische Familie geboren, die tief im kulturellen Leben der Hansestadt verwurzelt war. Ihr Vater, der angesehene Musikprofessor David Bromberger, und ihre Mutter Helene Bromberger (geb. Brunner) schufen ein intellektuell anregendes Umfeld, das die künstlerischen Neigungen ihrer Kinder frühzeitig und nachhaltig förderte. Während der Vater das musikalische Erbe prägte, war es das liberale und bildungsbürgerliche Elternhaus, das Dora den Weg in eine professionelle Künstlerlaufbahn ebnete. Ihre formale Ausbildung begann Bromberger zunächst im privaten Rahmen in Bremen, bevor sie sich zur weiteren Professionalisierung in die Zentren der europäischen Avantgarde begab. Zwischen 1912 und 1915 studierte sie in München bei Heinrich Knirr sowie in Paris. Diese Jahre waren entscheidend für ihre Rezeption des französischen Fauvismus und des süddeutschen Expressionismus, deren Einflüsse – insbesondere eine emanzipierte Farbwahl und eine subjektive Formgebung – ihr Frühwerk nachhaltig prägten.

Bremische Sezession (1915–1933)

Nach ihrer Rückkehr nach Bremen im Jahr 1915 etablierte sich Bromberger als feste Größe im regionalen Kunstbetrieb. 1920 wurde sie Mitglied des Künstlerbundes Bremen; 1924 trat sie der „Bremischen Sezession“ bei. Diese Vereinigung progressiver Künstler markierte den Höhepunkt ihres öffentlichen Wirkens. In dieser Phase widmete sie sich verstärkt der Aquarellmalerei und dem Holzschnitt, wobei sie eine charakteristische, schwermütige Figurensprache entwickelte. Ihre Motive – oft einsame Menschen in urbanen oder kargen Landschaften – reflektierten die existentielle Verunsicherung der Zwischenkriegszeit. Stilistisch vollzog sie hierbei eine Wandlung von einer rein expressiven zu einer strukturierteren, teils neusachlichen Bildtektonik.

Ausgrenzung und Innere Emigration (1933–1941)

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten bedeutete für Bromberger eine radikale Zäsur. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde sie 1933 aus dem Künstlerbund Bremen ausgeschlossen; es folgte ein umfassendes Ausstellungsverbot. Während ihre Werke in der Aktion „Entartete Kunst“ aus öffentlichen Museen (darunter die Kunsthalle Bremen) entfernt wurden, zog sich die Künstlerin in die „Innere Emigration“ zurück. Trotz der zunehmenden Isolation und materiellen Not blieb sie künstlerisch aktiv. Ihr Spätwerk ist geprägt von einer formalen Strenge und einer thematischen Verdichtung, die als stille Opposition gegen die herrschenden Verhältnisse gedeutet werden kann. Während Familienmitglieder, wie ihr Bruder Siegfried, emigrierten, blieb Dora Bromberger bei ihrer kranken Schwester Henriette in Bremen.

Deportation und Ermordung (1941–1942)

Am 18. November 1941 wurde Dora Bromberger gemeinsam mit ihrer Schwester im Zuge der ersten Deportationswelle von Bremen in das Ghetto von Minsk verschleppt. Kurz nach der Besetzung von Minsk durch die Wehrmacht im Juni 1941 wurde im Nordwesten der Stadt ein etwa zwei Quadratkilometer großer Stadtbezirk abgeriegelt. Insgesamt waren über 100.000 Menschen dort interniert. Darunter befanden sich rund 75.000 lokale Juden sowie ab November 1941 mindestens 22.000 deportierte Juden aus dem Deutschen Reich. Die Gefangenen litten unter extremer Kälte, Hunger, katastrophalen hygienischen Zuständen und wurden zur Zwangsarbeit für deutsche Betriebe und Behörden eingesetzt. Regelmäßig führten SS und Polizei großangelegte Mordaktionen durch, um Platz für Neuankömmlinge zu schaffen oder „arbeitsunfähige“ Menschen zu ermorden. Viele Opfer wurden in einem nahegelegenen Wald erschossen oder in Gaswagen erstickt. Die genauen Umstände des Todes von Dora Bromberger sind nicht abschließend geklärt; die Forschung geht heute davon aus, dass sie am 28. Juli 1942 bei einer Massenexekution im nahegelegenen Vernichtungslager Maly Trostinez ermordet wurde. 1945 wurde sie offiziell für tot erklärt.

Aussagen des Bruders Siegfried Bromberger

Siegfried Bromberger flüchtete 1939 zunächst nach Großbritannien und anschließend nach Kuba. Seine beiden Schwestern sahen keinen Grund für einen solchen Schritt. In Siegfried Brombergers Wiedergutmachungsakte im Staatsarchiv Bremen ist eine Erklärung dazu dokumentiert: „Ich habe meinen Schwestern noch vor dem Weltkrieg mehrfach geraten, Deutschland zu verlassen. Sie hatten auch eine Einladung nach London. Meine Schwestern haben diese Einladung nicht angenommen, weil sie sich nur als Deutsche und als anständige Menschen fühlten und nicht an den Verfolgungsungswahn der Nazis geglaubt haben.“ Sie seien schließlich getauft und hätten ein Familiengrab auf dem Riensberger Friedhof, so eine in der gleichen Akte überlieferte Aussage von Henny Bromberger. Die Grabstätte galt den Schwestern als sichtbares Zeichen ihrer Zugehörigkeit zur Bremer Gesellschaft.

Kunsthistorische Einordnung und Rezeption

Dora Bromberger zählt zur sogenannten „Verschollenen Generation“. Ihr Œuvre wurde durch Kriegseinwirkungen und die gezielte Vernichtung jüdischen Kulturguts stark dezimiert. Erst ab den 1980er Jahren setzte eine wissenschaftliche Aufarbeitung ihres Werkes ein, die sie als eine der bedeutendsten Bremer Künstlerinnen der klassischen Moderne rehabilitierte. Ihre Arbeiten werden heute als wichtige Bindeglieder zwischen dem norddeutschen Expressionismus und den sachlichen Tendenzen der 1930er Jahre bewertet und sind in bedeutenden Sammlungen wie dem Zentrum für verfolgte Künste vertreten.

Anmerkungen zu unserem Werk

Das Motiv zeigt einen jungen Mann, der eine Last auf dem Kopf trägt, vor einer Kulisse aus Fabrikschornsteinen und einfachen Häusern. Es könnte eine Szene aus einem Arbeiterviertel oder einer Industrielandschaft sein, wie sie Bromberger in ihrem Spätwerk thematisierte. Die Kiste auf dem Kopf erinnert weniger an Arbeit als an Fluchtgepäck oder, im übetragenen Sinne, an das Tragen der eigenen Existenz. Der Stil ist neusachlich und das Aquarell ist vermutlich vor 1933 entstanden, da es nach 1933 riskant war, in diesem Stil zu malen. Wir haben das Werk von einem Händler aus der Nähe von Liverpool. Ein alter Aufkleber der Rahmenfirma von J. Davey & Sons aus Liverpool auf der Bildrückseite, lässt darauf schließen, dass das Werk schon vor 1940 in Liverpool gerahmt wurde. Es ist zu vermuten, dass es von Angehörigen der Familie Bromberger Ende der 1930er Jahre bei ihrer Flucht nach England gebracht wurde.

Dora Bromberger

Dora Bromberger - um 1920

 

Dora Bromberger
Stolperstein in Bremen